Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Familien-Geschichten
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Familie,i'Geschichten. 9 in Polen und Rußland. Die Zaren waren ihnen wahrlich keine gnädigen Herrscher gewesen und dem korsischen Eroberer ging der Ruf voraus, daß er den Juden überall ein beffereü LooS bereite. Ich könnte aus Dutzenden von Familien-Keschichten Beweise für die, übrigens auch durch russische Quellen bestätigte Thatsache beibringen, daß die Juden in Westrußland dennoch gegen Napoleon waren und den russischen Heeren zur Zeit, da fr. langsam ins Innere zurückwichen, werthvolle Dienste leisteten. Kalt dies von Zeiten, wo die Juden noch nicht affimilirt waren, so noch mehr von jenen, wo sie ihr eigenes Volksbewußtsein abgethan haben und sich als Glieder eines bestimmten Volkes fühlen: als Deutsche in Deutschland und Oesterreich, als Engländer in England und Amerika, als Franzosen, Holländer, Dünen u. s. w. Wie sich dieser nationale Assnnilirnngs-Prozeß allmählich und durchaus naturgeiitäß vollzog, auch hierfür würde die Aufzeichnung der bisher größtentheils nur mündlich fortgepflanzten Familientraditionen eine Fülle belehrender Details bieten. Die Treue für das Volk, in dessen Mitte man seine Heimstätte gefunden, ist überall der Untergrund, dann tritt das lebhafte Bildungöbedürfniß hinzu, endlich fühlt man fiel, mit den Anderen wirklich eins, auch in der Rationalität. Das erweist auch die Geschichte meiner eigenen Familie. * * * Wir geben aus diesen Mittheilungen, da sie bereits gedruckt sind, hier nur einen Auszug. Als Franzos' Großvater als junger Mann vor 120 Jahren aus Frankreich nach Galizien kam, nicht freiwillig, sondern weil sein Erbe, eine Fabrik in Podolien, ihn zwang, dort sein Leben zu verbringen, erwarb er sich auch alsbald voll Eifers die Kenntniß der deutschen Sprache, weil sie eben damals auch im östlichen Oesterreich die Sprache aller Gebildeten war, weil er deutsche Bildung in sich ausnehmen wollte. „Wie ernst es ihm darum zu thun war, mag die Thatsache erweisen, daß er um 1790, ein vierzigjähriger Gatte und Vater, seine Fabrik fremden Händen anvertraute und nach Lemberg ging, um da an der, damals deutschen Universität nach Herzenslust zu treiben, was ihm gefiel: Deutsch und Geschichte, Jurisprudenz und Aesthetik." Mas ihm für sich heilsam erschien, wollte er auch seinen Glaubensgenossen mittheilen; von warmem Eifer für ihr Wohl getrieben, mühte er sich um die Verbreitung deutscher Kultur unter den Juden Galiziens freiwillig weit thatkräftiger, als wohl irgend ein Beamter christlich-germanischen Geblüts, den die Regierung zur Ausführung ihrer Germanisirungs-Tendenzen in's Land gesendet hatte. So verschenkte er;.B. zu Hunderten deutsche Bücher, namentlich Mendelssohn