Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Familien-Geschichten
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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8 Im deutschen Reich. Familientradition pflegen, keine Familiengeschichte haben. Dieschcint mir nicht richtig; wir stehen, wie ich glaube, nach dieser Hinsicht bürgerlichen Familien anderer Bekenntnisse im Durchschnitt nicht nach. Da» darf wenigstens von den Juden in Deutschland, Frankreich, England mit Fug und Recht behauptet werden; allerdings reicht auch bet ihnen die Erinnerung selten über den Urgroßvater hinaus zurück, bei den Juden des Ostens meist nur bis zum Großvater. Aber diese Thatsache ist sehr erklärlich und wird keinem zugleich kundigen und gerechten Beurtheiler zum Tadel Anlaß geben: er muß nur eben an die beschicke des jüdischen Stamme« denken. Wo innerer und äußerer Druck gleichmäßig auf Allen lastet, wo jede Individualität, so weit dies überhaupt möglich, zerdrückt und vernichtet wird, wo dieser Druck aus Allen eine Familie von Unglücklichen oder, wenn man es hart ausdrücken wollte, eine Heerde macht -- wo sollte da die Familientradition lebhaft sein?! - ist doch Aller Loos nahezu dasselbe. Zieht mau diese Thatsachen in Rechnung, so wird man im Gegentheil den relativen Reichthum an Familien-Ueberlieferungeu unter den Juden anerkennen müssen. Zwei Eigenschaften, die ihnen anhafle», haben dazu mitgemirkt: ihr Familiensinn und ihr Respekt vor den Tobten, (gerade der jüdische Vater erzählt dem Sohne mit besonderem Eifer von den Vorfahren. Kein Wunder aber, daß Niemand diesen Reichthum an Ueberlieferungen bei uns voraussetzt; sie werden äußerst selten ausgezeichnet. Dies ist bedauerlich, denn wir könnten durch solche wahre, kleine Einzelzüge den Beweis für einige erfreuliche Thatsachen erhalten, die besonders in diesen traurigen Tagen hart bestritten werden und dennoch Thatsachen sind. Man bestreitet z. B. den Juden, daß sie gute Bürger seien; welche Beweise gegen diese Anschauung ließen sich aus den Familien- Geschichten schöpfen! Die französische Revolution hat auch, den Juden die Menschenrechte gebracht, die Zeit des Rheinbunds die ersten Anläufe zur thatsächlichen Gleichstellung — und dennoch beweisen Hunderte von Familien-Geschichten deutscher Juden, mit welcher ehrlichen Begeisterung sie sich an den Befreiungskriegen betheiligten, wie wenig der gesetzliche und soziale Druck, der seit 1815 mit der Herstellung des deutschen Bundes wiederkehrte, ihr Gemüth verbitterte. Ein Gleiches gilt aber auch von den Juden