Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- Erster Jahrgang 1806-1807
- Issue
- 1. Bd 3 H. (9.1806)
- Article
- Über das Wesen, den Charakter und die Nothwendigkeit der Religion
- Date
- 1806-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 3)
- Language
- German
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Jeder Mensch, auch der im isolirten Zustande lc» bende, empfindet innigst das Dcdürfniß derselben; diese Empfindung erwecket stets in ihm die erhabensten Gesinnungen, und leitet ihn zu den rechtmäßigsten Dorstellun» gen. Don der tiefsten Ehrfurcht für dieselben ganz durchdruugen, wird der einsamste Meusch, den auch kirre geselligen Pflichten binden, sich nie von selbst zu niedrigen, seiner Würde unanständigen Handlungen verleiten lassen. Man frage ihn über die Postulate der praktischen Tugend, und er wird sie so deutlich und gründlich zu erklären wissen, als hatte er sie auf einer Universität gehört. Sein eignes Ge» fühl zeigt ihm die Ungerechtigkeit lasterhafter Handlungen, laßt ihm die Herabwürdigung des Menschen durch sie aufs allcrdcuklichste erkennen. Seine Vernunft ist ihm Gesetzgeberin, in seinem Herzen liefet er die Vorschriften der Tu« gend, die mit unauslöschlichen Zügen daselbst aufgczeichnet sind. Die Begriffe Gerechtigkeit, Güte, Ehrfurcht us.w. dringen sich seiner Dorstellrmgskraft unwillkührkich auf, er begreift ihr Wesen, ob er gleich noch keine Gelegenheit hatte, sie auf irgend einen Gegenstand anwendbar zu ma« chcn; er fühlt ihre Würde, ihre Erhabenheit, und wün« sehet sie in Erfüllung bringen zu können, und sthnet sich nach den Augenblicken, in denen er sie realisiren und zur Ausführbarkeit bringen kann. Ein angenehmes Vorgefühl jener Seligkeit, welche mit der Erreichung dieser morali« schen Zwecke verbunden ist, beschäftigt seine Phantasie «n» aufhörlich, und erzeugt in ihm den moralischen Vernunft« glauben , der aus dein festen Glauben an Tugend und ei« mm reinen, göttlichen Leben herporgrhet, als ein Schat«