Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- 4 (1812)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Gesellschaft der Humanität zu Kassel
- Date
- 1812-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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3°J uns erkennen; dahingegen manche Vorzüge, die wir z« besitzen glauben, nur in unsrer Einbildung vorhanden sind, wie manche Fehler, deren man uns zeihet, nur in dem Vorurtheil oder dem bösen Willen andrer ihren Grund haben. Das uralte Volk, zu dem wir gehören, tbeilt mit allen anoern Völkern und Klassen dieses Schicksal, daß es von ssber, sowohl von Fremden als auch von Männern, die aus unsrer Mitte hervorgeaanqen sind, großer Fehler beschuldigt worden ist. Seit Jahrtausenden treffen diese Worwürse uns, und cs ist daraus erwachsen, daß viel« leicht auf dem ganzen Erdenrund kein Volk sich in Hin» sicht seiner Fehler und seiner nachtheiligen Seiten so gtnan kennt, als eben wir. Da girbt es keinen gehässigen Zug, und wäre es der kleinste, der unbedeutendste, wäre er noch so entfernt, noch so versteckt unter fremdartigen Gegen« standen, er fällt uns auf, wir finden ihn heraus, heben ihn empor, und gleichsam im Triumph über unfern richti« gen Blick, rufen wir aus: ja das sind wir! -Was uns aber zu verbessern, zu veredeln, zu erheben vermag, das ist nicht die bloße äußere Kenntniß unsrer Mängel; es ist die Erkenntntß unserrr guten Eigenschaften, unsrer günstigen Anlagen, des Umfangs unsrer moralischen Kräfte. Denn so wie dir meisten Feh«!er bloß gemisbrauchte oder falsch gerichtete Tugenden sind, eben so liegt gerade in unfern guten Seiten nicht al« lei» das Mittel, uns von unsren Fehlern zu befreien, son« dern unsre Erkenntniß dieses Guten ist auch allein im Stande, jene großen Brfördrrungsmittel zu jeder Vervollkommnung: Selbstachtung, Selbstgefühl und Selbstvertrauen hrrvorzubringen. Und wie greift