Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- 4 (1812)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Brief des Weltweisen Moses Mendelssohn
- Date
- 1812-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1?6 einem Volke von solchen Grundsätzen und Erziehung, rin so edles und erhabenes Gemüth sich gleichsam selbst bilden sollte? Welche Beleidigung! so ist alle unsere Sittlichkeit dahin! so regt sich m unö fein Trieb mehr sür die Tu» gend! so ist die Natur si efmütt* rlirf? gegen uns «ewesen, als sie die edelste Gabe unter den Mnsl׳ r> ausgetheilt, die natürliche Liebe;um Guten! Wie wen bist du, gütiger Vater, üver solche Grausamkeit erhaben! ״ Wer Sie naher kennt, theuerster Freund, und ihre Talente zu schätzen weiß, dem kann es gewiß an keinen» Exempel fehlen, wie leicht sich glückliche Geister ohne Vor» biid und Erziehung empor schwingen, ihre unschätzbaren Gaben ausarbeiten, Geist und Herz bessern, und sich in den Rang der größten Männer erheben können. Ich gebe einem jeden zu bedenken, ob Eie, großmükhiger Freund, nicht die Rolle des Juden im Schauspiel übernommen hätten, wenn Sie auf Ihrer gelehrten Reise in seine Um« stände gesetzt worden wären. Ja ich würde unsere Nation erniedrigen, wenn ich fortsakren wollte, einzelne Exempel von edlen Gemülhern anzuführen Nur das Ihrige konnte ich nicht überge ׳en, weil es so sehr in die Augen leuchtet, und weil ich es allzuoft bewundere. ״Neberhaupt sind gewisse menschliche Tugenden den Juden gemeiner als den meisten Christen. Man bedenke den gewaltigen Abscheu, den sie vor einer Mordthat haben. Kein einziges Exempel wird man anfübren können, daß ein Jude (ich nehme die Diebe von Profession aus) einen Menschen ermordet babm sollte. Wie leicht wird es aber nicht manchem sonst redlichen Christen, seinem Nebenmen« scheu für ein bloßes Schimpfwort das Lebe» zu rauben?