Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- Dritter Jahrgang 1810-1811
- Issue
- 1 Bd.4 H. (1811)
- Article
- Einige Worte an junge Frauenzimmer
- Date
- 1811-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2304627-2304628-2304630-10858306-2305679--03252-2306092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3&r scheu Erziehung hält, so ist sie doch so charakteristisch, daß ihr durch die Unterdrückung derselben euch eine» der de. zauberndsten Reize rauben würdet. Eine unerzwungene Röthe sündigt eine wahre Beschei« denheit an. Ein Versuch, sie zu unterdrücken, heißt der Natur selbst den Krieg ankündigcn. Faßt also, meine jungen Zuhörerinnen, ja kein Vorurtheil wider diese weib» lichc Verschämtheit aus Furcht vor der Spötterei lüderli» cher Witzlinge, die sie gar zu gern zu einem Gegenstand« des Gelächters machen. Diejenigen, die einen wahren Sinn für den weiblichen Charakter haben, werde» sie alle» zeit für das Symbol der innern Reinigkeit Hallen; denn so wie die Züge der Unverschämtheit sich stark in dem Ge« sichte ausdrücken, eben so entdeckt sich darin eine gewisse Keuschheit der Seele und Feinheit der Empfindung. Aber wo sollen wir die erröthende Schöne aufsuchen ■: Gewiß nicht in dem großen Haufen und auf den öffentli« chen Versammlungsplatzen, sondern in den schattigen Gängen der häuslichen Einsamkeit. Das Gesicht, das immer das öffentliche Auge auf sich zu ziehen sucht, kann sicher darauf rechnen, daß es nach und nach seine bescheidene Süßigkeit und liebliche Neuheit verliert. Und diejenige, die sich anfänglich nicht ohne die Ergießung einer sanften Röthe über ihre Wangen konnte anstarren lassen, wird durch die beständige Schaustellung ihrer Person sich um alle diese einnehmende Simplicität bringen und vielleicht dem dreistesten Angaffer keck die Stirne bieten.