Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- Dritter Jahrgang 1810-1811
- Issue
- 1 Bd. 2 H. (1811)
- Article
- Ein ungedruckter Brief des Weltweisen, Moses Mendelssohn, vom 24. April 1773
- Date
- 1811-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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75 das gewissenhafteste anwenden müsse, um zu untersuchen, ob diese Ueberzeugung ächt und beständig sey. Wenn diefts mit aller nur möglichen Vorsicht geschehen, so haben wir uns weiter keine Vorwürfe zu machen, und auch von unserm Richter keine zu erwarten, gesetzt auch unsre Ueberzeugung wäre im Grunde irrig gewesen. Bloße Schwierigkeieen und Zweifel aber müssen auf unser praktisches Verfahre» keinen Einfluß haben. So lange wir noch nicht völlige Gewißheit erlangt haben, müssen w r uns, was das Praktische betrift, an die Grundsätze halten, nach welchen wir erzogen worden, und die wir von andern uns verehrungswürdigen Männern erhalten haben. Wir dür« fen nicht die geringste Neuerung oder Aenderung wagen, bevor wir nicht mit Sicherheit festen Fuß setze» können. Dieses sind die Pflichten gegen die Wahrheit in Absicht auf unsre eigne Person. In Absicht auf andere, und in wie fern wir verbunden sind, die von uns erkannte Wahrheit andern mitzuthcilen, hat die Pflicht noch engere Schranken, die ich hier nicht ausführen kann, und auch nicht zur Cache gehören. Ausgemacht aber scheint es mir, daß cs ewige Wahrheiten geben kann, von denen ich für mich und zu meinem eigenen praktischen Gebrauche und Verhalten vollkommen hinlängliche Ueberzeugung haben kann, ohne verbunden zu seyn, sie andern be« kannt zu machen, oder aufzudringen, ja, zuweilen bin ich sogar verpflichtet sie andern zu verschweigen. Zwischen der Liebeslust und andern sinnlichen Lüsten ist hauptsächlich dieser Unterschied in Betrachtung zu ziehen. Sinnliche Lust überhaupt hat, seiner Natur nach, bloß F 2