Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- Dritter Jahrgang 1810-1811
- Issue
- 1 Bd. 2 H. (1811)
- Article
- Ein ungedruckter Brief des Weltweisen, Moses Mendelssohn, vom 24. April 1773
- Date
- 1811-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2304627-2304628-2304630-10858300-2305651--02999-2305883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 Mein Herr. Ich muß gestehen, daß mich der Inhalt Ihres Sckrek« bens vom rz. März nicht wenig befremdet hat. Wie kommen Sir in alle Welt dazu, von Cölln aus, in Sa« chen, die das Gewissen betreffen, sich gerade an mich zu wenden? In Ihrer eignen Kirche giebt cs vortreffliche Männer, denen es weder an Einsicht, noch an Aufrichtig« keit fehlt, Ihnen den Weg der Wahrheit und der Tugend zu zeigen. Man hat auch Schriften, in welchen diese Materien mit Gründlichkeit und Wahrheitsliebe abgehan« delt sind. In denselben findet ein Lchrbegieriger weit mehr Licht und Aufschluß, als man in einem Briefe zu geben im Stande ist. Wie ich sehe, ist die Einführung philo« fophischcr Schriften in Ihrer Gegend auch nicht verboten. Sie können also lesen und prüfen, was die Weisen aller Völker über diese Gewissenspunkte gedacht und geschrieben haben, und wie unbeträchtlich ist das, was ich zu dieser großen Masse hinzu zu thun nn Stande bin. — Da Sie mir indessen die redlichsten Absichten zu haben scheinen; so werde ich Ihnen mit eben der Redlichkeit und in kurzen Worten anzeigen, was ich über Ihre Fragestücke denke; das Ucbrige muß eignes Nachdenken und das Le« sc» gründlicher Schriften Hinzuthun. lieber die ersten Punkte sind meine Gedanken folgende. Ein jeder folge seiner eigenen Ueberzeu» gung, und sey vollkommen versichert, daß er seinem Schöpfer dadurch nicht mißfallen könne. Hierbei ist aber die Vorsicht zu empfehlen, daß man zuvörderst die von Gott uns verliehenen Kräfte auf