Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 9-12 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 340 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2292929-2293072-2293076--11148-2304488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
340 Metaphysik und Religion für ihn und nach seiner idealen Bestimmung möglichen höchsten Werten gelangt.“33 Also auch hier die beiden Momente der Wertgegebenheit und des tiefendimensio* nalen Transzendierens. Der einzige Unterschied zwischen ' der Haltung der Liebe und der Ehrfurcht besteht darin, daß die Liebe das Idealbild der geliebten Person in den Blick treten läßt, während die Ehrfurcht bei bloßer Ah* nung verharrt. Es scheint uns jedoch, daß diese Deskription der Ehr* furcht und ihre Abgrenzung gegenüber der Liebe irrig ist. Wohl eignet der Ehrfurcht das Moment des Transzen* dierens, aber nicht im Sinne einer Ahnung des dem Ge* genstand Immanenten, sondern im Sinne der Ahnung seines wahrhaft transzendenten Seinsursprungs. Damit ist schon gesagt, daß die Ehrfurcht primär nicht auf den Wert, sondern auf das Sein gerichtet ist und sekundär erst auf den Wert. Das Wort „Ahnung“ trifft das Rieh* tige, aber der Sinn des Geheimnisses muß in ihm walten. Ehrfurcht ist das Ahnungserleben eines wesenhaft transzendenten Geheimnisses, in dem das Seinsprinzip des Gegenstandes verwurzelt ist. Das bloße Ahnen einer un* erschöpflichen Tiefendimension, die dem Betrachter beim Fortschritt seines „fühlenden Vordringens“ sich auftut und ihn die Unzulänglichkeit seiner Forscherkraft erleben läßt, offenbart ihm keine fixe Grenzlinie seiner Erkennt* nis34 — er dringt ja immer weiter vor ins Reich des Un* bekannten —, sondern reißt sein Erkenntnisstreben immer tiefer in die Fülle des Seienden hinein. Nicht das Erleben einer Grenze und eines transzendenten Geheimnisses charakterisiert dieses Ahnen, sondern der Enthusiasmus kosmischer Weite und ewiger Aufgabe. Es ist der Bruno sehe Affekt des Erkenntnisrausches, nicht aber das durchschauerte Grenzbewußtsein der Fhrfurcht. Ehr* 33 S. 187. 34 Zur Phänomenologie der Erkenntnisprogression vgl. N. Hartmiann, Metaphysik der Erkenntnis, S. 46 ff., 59.