Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 311 (sequence 129)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus 311 Dies ist das tiefste Symptom und eine der wirksamsten Ur- Sachen für die Zerspaltung unseres Volkes in West- und Ostjudentum, unter der wir noch heute so tief leiden, die aber gerade durch den Zionismus und seine neue einheitliche Frage- Stellung überwunden zu werden sich anschickt. Freilich: auch hier ist eine Gefahr. Diese berechtigte Mittelpunktstellung in der jüdischen öffentlichen Meinung darf den Zionismus nicht zu dem hybrischen Glauben verführen, er sei schlechthin ״die Lösung der Judenfrage“. Jüdisches Schicksal ist überall in der Welt das Zusammenleben mit anderen Völkern. Das ist auch in Palästina nicht anders, wenn es Sich auch dort unter anderen, und, wie wir hoffen: gesünderen, fruchtbareren, jüdischeren und autonomeren Be־־׳ dingungen verwirklichen kann. Zu meinen aber, man könne aus dieser Aufgabe des Juden, der Symbiose mit anderen Teilen der Menschheit, in ein rein jüdisches Palästina, in einen ,Judenstaat“ gleichsam fliehen, ist prinzipieller Pseudomessianismus, muß ebenso wie jener scheitern und in seinem Sturz viele der besten und legitimsten jüdischen Hoffnungen und Anstrengungen reißen. Tritt also die Palästinafrage an die Stelle des Judenfrage, wird sie ein Surrogat für das Streben nach zwischenmenschlicher Gerechtigkeit aus göttlicher Wurzel, dann kann sich all ihr Heil in Unheil verkehren. Sieht man aber im Palästina- Aufbau die große historische Gelegenheit, in der sich jüdischer Idealismus, jüdischer Wille zur Gerechtigkeit und zur Selbsteinschränkung, jüdische absolute Ethik im Gegensatz zur Staatsr3ison nicht nur in den billigen Phrasen lebensferner Predigten und auch nicht nur in den tragischen Lebensläufen vereinzelter und einsamer Revolutionäre, sondern in der kollektiven Wirklichkeit eines mikrokosmischen Volksdaseins verkörpert — dann, aber freilich nur dann, hat der Zionismus noch eine gewaltige Chance vor der jüdischen Geschichte. Die Lösung des Äraberproblems wird erweisen, ob er sie ergriffen oder verspielt hat.