Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 307 (sequence 125)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Zionismus 307 sonderbare Plan, den Herzl noch in Wien seinen Chefs Bacher und Benedikt zur Lösung der Judenfrage anempfahl: man solle die gesamte junge Generation taufen lassen, um so das Juden- Problem ein für allemal zu lösen. Die Eltern aber sollten Juden bleiben, um nicht den Schein der Charakterlosigkeit zu erwecken. Die Redakteure der ,,Neuen Freien Presse“, in der später, als ihr Pariser Korrespondent und Feuilletonleiter der Führer des Zionismus geworden war, diese Bewegung niemals erwähnt werden durfte, lehnten den Plan naturgemäß ab. Sie waren Ässimilanten, aber keine Renegaten. Herzl hätte, zum mindesten für seine Kinder, ein Renegat werden können, wenn er nicht — der Begründer des modernen Zionismus geworden wäre. So entsetzlich, so tragik-komisch dicht führte die Dialektik unserer Geschichte die beiden entgegengestzten Pole aneinander. Noch einmal wiederholte sich zusammengedrängt im Ablauf eines kurzen Menschenlebens das Schicksal der Generation Heines und Börnes: jener großen Juden und Freiheitskämpfer, die im Christentum, wie Heines ehrliche Frechheit verrät, das ״Entreebillet zur europäischen Kultur“ erwerben wollten, d. h. den Zugang zu menschlich kultureller Einheit und Ganzheit suchten, die ihnen ihr Judentum, das farblose und blasse Judentum der Reform, versagt hatte. Herzl freilich suchte, den veränderten äußeren Verhältnissen und Idealen entsprechend, im Christentum nicht mehr Kultureinheit, sondern die Einheit des Staates: das Einströmen in seine geöffneten, wenn auch uniformierten Vaterarme. Es bezeichnet den ganzen ungeheuren Fortschritt der jüdischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte, an dem nicht zuletzt auch der Zionismus trotz all seiner Irrtümer beteiligt ist, wenn Franz Rosenzweig sich nunmehr dem Christentum nicht als Kulturbillet und nicht als Staatsuniform, sondern als Glauben entgegenstellen durfte und mußte, nachdem es als Glauben ihn und den Kreis seiner Freunde bedroht hatte. Aber selbst dies hätte noch zu keiner wirklich sichtbaren und dauernden geschichtlichen Verkörperung geführt, wenn nicht Herzls Feuerruf auf den seit Jahrhunderten bereitliegen-