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Jeschurun · 1930-05-01 · Heft 5-8 (Mai 1930) · p. Seite 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 5-8 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 306 (sequence 124)
Language
German
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306 Der Zionismus aber auf die Frage des Judentums und seiner inneren Aus-׳ einandersetzungen mit den geistigen und geschichtlichen Machten der Zeit, zu denen als beherrschende allerdings vor allem auch der Staat gehörte. In diesem Sinne ist Herzl der historische Vollender des Odessaer Arztes L. Pinsker, von dessen ״Autoemanzipation“ er nichts wußte, der er aber in seinem ״Judenstaat“ gleichsam ein heimliches Echo gab: beide Bücher verhalten sich in der Tat zueinander wie Aufruf und Antwort. Diese Herkunft aus dem Negativen, vor der, wie wir an Beispiel Pinskers soeben sahen, selbst das freilich sehr verwestlichte Judentum Odessas nicht schützte, mußte sich im Wunschbilde der neuen Bewegung ausdrücken, die an die Stelle der isolierten Individual-Assimilation der hierin nur gradweise unterschiedlichen liberalen und neu-orthodoxen Bewegungen eine Gesamtassimilation setzte, gleichsam in Erfüllung der alten Ketzerthese: ״Wir wollen sein wie alle Völker, Haus Israel!“ Dem entsprach es, wenn auf dem ersten Kongreß ״Religion“ — also das Lebenszentrum des jüdischen Volkes — als ״Privatsache“ erklärt wurde, und dies war es vor allem, was so tiefe jüdische Geister wie den deutschen Liberalen Hermann Cohen einerseits und den russischen Chowew Zion (Zionsfreund) und hebräischen Kulturphilosophen Achad Haam andererseits vom politischen Zionismus entfernt hielt. Nicht in diesem Inhalt also kann die jüdische Legitimität des Herzischen Zionismus gefunden werden; er ist im Gegenteil ein höchst verdächtiges und sogar gefährliches Element, das dem nationalen Minderwertigkeitskomplex eine vorschnelle Befriedigung an einem schlecht-europäischen Wunschbilde anbietet und den Juden genau all das verheißt, was ihnen die unvollkommen durchgeführte europäische Gleichberechtigung bisher vorenthalten hat. Worin also lag die historische Kraft und Wirkung Herzls, soweit wir sie positiv bewerten dürfen? In dem Schwünge der Rückkehr, im Pathos der Distanz, das diesen Entfremdeten zum plötzlich aufgestrahlten Abgott des jüdischen Volkes machte. Nichts ist bezeichnender für diese Führerfunktion als jener

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