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Jeschurun · 1930-05-01 · Heft 5-8 (Mai 1930) · p. Seite 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 5-8 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 249 (sequence 67)
Language
German
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Heilige und unheilige Gerüche 249 Wohlgerüche herausgefunden, die ihnen im Gegensatz zu den anderen Gräbern entströmten. Es handelt sich also dabei um eine Vorstellung, die den mannigfaltigsten Völkern und den verschiedensten Zeiten gemeinsam ist. Am 4. März 1484 starb in Wilna, wo er Herzog war, der polnische Königssohn Kasimir im jugendlichen Alter von nur 25 Jahren. Er hatte das Leben eines Heiligen gelebt und ist selig gestorben. Nach seinem Tode wurde er durch viele Wunder verherrlicht und 1522 vom Papste heilig gesprochen. Als man 120 Jahre nach seinem Tode in Gegenwart des Bischofs und vieler angesehenen geistlichen und weltlichen Herren sein Grab öffnete, war sein Leichnam noch unverwest. Die Kleidung war trotz des feuchten Grabgewölbes frisch und unversehrt, und dem Grabe entstieg statt des Moderduftes ein lieblicher Geruch. Eine prachtvolle Kapelle aus Marmor birgt seitdem die Gebeine des Heiligen. Auch der Antike ist diese Ansicht durchaus nicht fremd. Nach Athenäus und Plutarch redete die Dienerschaft Alexanders des Großen von dem wunderbaren Duft seines Körpers, der an den Kleidern haftete, wenn er sie anzöge. In der Aeneis erkennt der Held der Dichtung an dem göttlichen Wohlgeruche seine Mutter Venus.5 Es sind aber nicht nur Leichen und Gräber gestorbener Propheten und Heiligen, die Wohlgerüche um sich verbreiten. Auch Lebende werden Träger heiliger Düfte. Nach einer Marienlegende aus dem 14. Jahrhundert wird ein Judenknabe ohne Vorwissen seiner Eltern der Taufe zugeführt. Als er heimkehrt, verbreitet er einen durchdringenden Wohlgeruch um sich. Den ungläubigen Eltern kommt es aber vor, als ob er stinke. Durch die widerspruchslose Wahrnehmung dieses Wundergeruchs erfahren sie dann, daß der Knabe getauft ist, und der Knoten zu dem legendären Drama schürzt sich. Ein anders Mal erzählt der Heisterbacher Mönch, wie zu Linz am Rhein ein jüdisches Mädchen seinen Eltern ent- 5 V e r g i 1, Äeneis I, 403. 5

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