Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 201 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Kunst oder Prophetie 201 ehern! Der durch die jüdisch-christlich-islamische Moralschule gegangene Mensch ist zu unbefangenen, rein künstlerischen Urteilen unfähig geworden. Das meint auch Chesterton mit seiner gewöhnlichen witzigen Bissigkeit: ,,Rudyard Kipling, der ein lebhafter Schulderer und eine starke Persönlichkeit ist, interessiert mich nur in seiner Eigenschaft als Ketzer, d. h. als ein Mann, der es wagt, in sämtlichen Fragen anderer Meinung als ich zu sein. Bernhard Shaw, einer der geistvollsten und ehrlichsten Männer der Gegenwart interessiert mich nur als Ketzer, d. h. als ein Mann, dessen Philosophie ganz gediegen, ganz konsequent, jedoch ganz falsch ist.“ Das ist, fröhlich gesagt, eine sehr ernste Wahrheit. Der heutige, bewußt oder unbewußt unter dem Sittengesetz stehende Mensch kann sich dessen Herrschaft selbst dann nicht entziehen, wenn er sich gegen dasselbe auflehnt. Unter Juden, Christen und Moslems kann es nie mehr ganze Heiden geben! Der Streit zwischen Kunst und Prophetie ist also längst entschieden — in einer Welt, die mit Moses die immer engere Annäherung zu G’tt als den heiligen Zweck ihres Bestehens erkannt hat, kann überhaupt nichts mehr als völlig zwecklos gelten — ist von aller Absicht freie Kunst unmöglich geworden! Es ist also reine Torheit, wahrhaft zwecklose Eigenbrödelei, Schlagworte von einer Kunst nur um der Kunst willen, von ״rart pour l’art“, zu prägen; ist doch heute sogar schon ein Kampf um Kunst oder Prophetie unmöglich geworden, da es sich längst nicht mehr um in der gleichen Ebene nebeneinander geordnete menschliehe Wirkungsgebiete handelt, sondern die eine Tätigkeit der andern, die Kunst der Prophetie, längst unterworfen erscheint — selbst wo die Absichten dieser Kunst sich gegen G’tt richten, beweisen sie in ihrem kleinen Kreis doch wieder nur die g’ttgewollte Zwecksetzung für alle Welt. Es kann auch nicht anders sein: Oder die Grundlage aller religiösen Erkenntnis wäre falsch. Wenn G’tt ist — und wir wissen, daß er ist! — wenn G’tt Urheber der sitt- 2