Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 200 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Kunst oder Prophetie oder unangemessen zu verwerfen. Schon darum nicht, weil es so lächerlich wie zwecklos wäre, sich gegen unabänderliche Tatsachen aufzulehnen, wie jene der Vorherrschaft der zweck״ bewußten Kunst gegenüber der nichts als Kunst sein Wollenden. Uebrigens erscheint das mißbräuchliche Spiel mit der Anziehungskraft künstlerisch ausgeschroteter Ideen auch darum nicht sehr gefährlich, weil es ganz von Wert und Wucht der vertretenen Anschauung abhängt, wie lange das Werk samt seiner Tendenz lebendig bleibt — worin zugleich eine Gewähr für verläßliche Auslese liegt, da stets der bedeutende Mensch bedeutende Gedanken schaffen, auffassen, weiterverkünden wird — weil sie bleiben, bleibt sein Werk und bleibt er. Darin liegt ferner zugleich eine Sicherung gegen den Mißbrauch prophetischen, lehrhaften Schaffens durch Künstler, die dem der wahren Prophetie zugrunde liegenden Sittengesetz feindlich gegenüberstehen. Diese scheinbar prophetische, in Wahrheit nur der prophetischen Mittel sich bedienende heidnische Kunst — die Kunst Tolstois, Shaws, Well’s, Wassermanns, Remarques und zahlloser anderer — stirbt eben an ihrer äußeren und inneren Unzusammengehörigkeit und veraltet mit merkwürdiger Schnelle bis zur völligen Verscbollenheit. Andererseits aber liegt in dem Verlangen nach einer nichts als sich selbst bezweckenden Kunst wieder eine Mißachtung des schaffenden Künstlers, der zum Objekt eines, wenn auch oft höchst veredelten Unterhaltungsbedürfnisses herabgewürdigt wird. Ist ein Buch, — ist ein Bild preiswürdiger, als ein Zirkusritt oder ein Clownspaß, wenn nur die formale Ge- Schicklichkeit oder allenfalls die persönliche Wesensart (mit Zola gesprochen, das ״Temperament“ des Künstlers) hervortritt? Der schaffende Mensch selbst soll sichtbar werden —י aber freilich nicht sein körperliches, gemeines, allgemeines Selbst — sondern das Wichtigste, Wertvollste, Bleibendste an ihm: Die Idee, die er vertritt, der Gedanke, der in ihm lebt, der Zweck, den er verfolgt. Letzten Endes zieht das, und nur das allein, Menschen zu Kunstwerken, Leser zu Bü-