Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 199 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293072-2293075--11042-2304343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kunst oder Prophetie 199 durch die betonte Zweckfreiheit dennoch eine belehrende, bekehrende Absicht durchzuschimmern schien, wie etwa in Thomas Mann’s ״Buddenbrooks“ mit ihrer ironisch unterstrichenen Bürgerlichkeit, konnte auch ein tendenziöses Buch Aufmerksamkeit erregen. Diese überraschende Neigung der eben längst enthellenisierten Menschheit zur Beurteilung von Kunstwerken nach ihrer gedanklichen Absicht statt nach ihrem formalen Wert hat freilich auch Folgen übelster Art. Verwirrt sie doch die Schärfe des Urteils und läßt nur allzu oft Minderwertiges um seiner Tendenz willen zu Erfolg gelangen, indem sie vor allem das Verständnis für die vollendete Kunstform und für deren unbedingte Notwendigkeit schwächt — während doch gerade die auch formale Vollkommenheit in Verbindung mit der Erhabenheit der vertretenen Idee großen Werken ihre Größe gibt. Es liegt also in der Neigung zur ausschließlich inhaltlichen Beurteilung von Kunstwerken eine Erleichterung des Betruges durch schreibfleißige Nichtskönner, welchen ״guten Leuten und schlechten Musikanten“ um ihrer dem jeweiligen Durchschnittsleser angenehmen Tendenz willen ihre literarische Leichtfertigkeit gerne liebevoll nachgesehen wird. Diese Erscheinung, ist unvermeidlich, ihr heute merkbares Ueberwuchern aber eine sozusagen demokratische Erscheinung, da durch Ueberlassung des literarischen Urteils an die Volksmassen bedingt. Hiermit hängt zusammen, daß noch niemals vorher die wahrhaft gute Literatur von moderner, die Tagesideen verkündender Scheinkunst so sehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Freilich stirbt der Weltruhm solcher Mode« großen mit dem Veralten ihrer Ideen; so ist Gutzkow, so ist Spielhagen, so Hegse, so Björnson verschollen; so sind die Gesellschaftsdramen, die Ibsen eigentlich berühmt machten, versunken, während über sie der Ruhm seiner früheren Werke erst nach des Dichters Tode aufzusteigen begonnen hat. Dieser Mißbrauch der prophetischen Auffassung von Kunstwerken als Zweckhandlungen darf aber nicht übertreibend dazu verleiten, diese Auffassung selbst als schädlich