Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 198 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Kunst oder Prophetie deutlicher die Siegesgewalt des prophetischen Geistes, als daß auch seine Bekämpfung immer nur mit seinen eigenen Mitteln möglich schien, daß auch die Kämpfer für eine tendenzfreie Kunst ihre Idee nicht durch Schaffung zweckfreier Werke, sondern wieder nur durch Tendenzdichtungen gegen die Tendenzdichtungen vertreten konnten — ganz so, wie Julian das Christentum mittels christlicher Moral bekämpfte und Stalin die Religion durch Schaffung eines Gottlosigkeitsglaubens bekämpft. Freilich hat es stets auch Dichter gegeben, die, von der zweckunbewußten Weltwirklichkeit gefesselt, sich der keinen Zweck verfolgenden Darstellung von Dingen dieser Welt hingaben. Doch beschränkte sich ihr Schaffen meistens auf die lyrische Dichtung. Denn einzig und allein die Lyrik erscheint von der unwillkürlichen moralischen Wertung ihres Inhaltes ausgenommen, da sie, schon ihres geringen Umfanges wegen, ihrem Wesen nach sich unter Vernachlässigung der Geistestätigkeit hauptsächlich an die Gefühlssphäre wendet, die zur Prüfung des die Verse beseelenden Geistes in sich unfähig ist. Obgleich aber der Genuß eines Gedichtes nur gefühlsmäßiges Mitschwingen ohne geistige Ueberprüfung verlangt, erweist sich doch wieder jene Lyrik als die Menschen am tiefsten ergreifend, die ihr Gefühl nicht ganz frei schweben läßt, sondern es, wenn auch noch so fein, auf einen weltanschaulichen, zur Stellungnahme zwingenden Untergrund stützt; wie die stets religiös beschwingte Lyrik Eichendorffs und Claudius7 oder, von der anderen Seite her, die Lyrik Goethes. Sehr selten ist es aber, und eigentlich auf die größten Werke dieser Ärt beschränkt, daß auch umfangreichere zweckfreie Dichtungen eine nachhaltige Wirkung zu erzielen vermochten. Denn, da der Mensch im allgemeinen weit mehr ein moralisches, als ein ästhetisches Wesen ist und der heutigen Kunstkritik spottend, vor allem nach dem Geist eines Kunstwerkes und dann erst nach seiner Form fragt, sind alle Bestrebungen zur Schaffung zweckfreier Kunstwerke, insbesondere in der Dichtung, erfolglos geblieben; nur dort, wo