Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 196 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Kunst oder Prophetie den Uebergängen der Zeitalter, bei Aufwühlung der ganzen menschlichen Natur wurde dieser Kampf laut und lärmend, wie eben zur Zeit Mosis, der Gnosis, der Reformation, der Revolution, des Bolschewismus. Aber gerade während der auffälligsten Kämpfe ist deren Wesen, weil dann mit politischen, sozialen, kirchlichen Streitfragen verknüpft, am schwierigsten zu verstehen. Die stilleren, möglichst ins Geistige verlegten Auseinandersetzungen ruhigerer Tage sind besser geeignet, die sich bekämpfenden Prinzipien, ihr Wesen, ihren Wert, ihre Aussichten erkennen zu lassen. Ebenso wie ganz selbstverständlich die äußerlichste Kunst, nämlich die bildende, am häufigsten und deutlichsten mit der Prophetie zusammenstieß, mußte ganz selbstverständlich die innerlichste, Gedanke und Gefühl am schärfsten aussprechende Kunst, nämlich die Dichtung, die geeigneteste sein, in ihren Werken Anschwellen und Äbebben des prophetischen Geistes aufzuzeigen. Wohl war der Ablauf der Geschichte aller Künste von der jeweiligen Stärke prophetischen Geistes abhängig, aber die Messung der feinen Schwankungen dieses Gedankenkampfes kam natürlicherweise der gedanklichsten, der dichtenden Kunst zu. Die Betrachtung dieser jedoch zeigt auf das merkwürdigste, daß seit dem Auftreten der Prophetie von einem wirkliehen Kampfe gegen sie kaum gesprochen werden kann. Wohl ist festzuhalten, daß auch in der vorprophetischen Dichtung grundlegende Sittlichkeitsbegriffe aufscheinen, ohne welche ja auch überhaupt keine künstlerische Gestaltung möglich wäre — wie etwa die zum Mitfühlen zwingende Größe der Odyssee völlig auf dem auch im Heidentume lebendigen Gefühl für die sittlichen Werte der Vaterlandsliebe, Tapferkeit, Gattentreue beruht. Aber eine solche selbstverständliche, das Kunstwerk erst ermöglichende sittliche Grundlage darf keinesfalls mit dem verwechselt werden, was die Prophetie von der Kunst verlangt: Daß sie nicht nur ihre Werke auf irgendeinem sittliehen Prinzip aufbaue, sondern daß sie durch ihre Werke dieses, und zwar notwendig nur ein einzig mögliches sitt-