Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 195 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Kunst oder Prophetie 195 Durch diese Herausschälung der Kernbegriffe von Kunst und Prophetie ist deren Gegenüberstellung zwecks gegenseitig ger Abwägung möglich geworden, und es zeigt sich sofort eine entschiedene Unvereinbarkeit dieser beiden Sphären menschlichen Wirkens. Da Kunst das keinem Zweck die״ nende ganz freie Schaffen ist, Prophetie umgekehrt alle menschlichen Kräfte, also auch die künstlerischen, in den Dienst bestimmter Zwecke stellen will, waren, seit vom Judentum das Sittengesetz in die vorher bestenfalls unbewußt sittlieh dahinlebende Heidenwelt gestellt worden war, Reibungen zwischen diesen zwei wichtigsten Betätigungsformen des menschlichen Geistes unvermeidlich. Und tatsächlich hat es an solchen seither nie gefehlt — ja die ganze Menschheitsgeschichte seit Moses stellt, in vielen Verkleidungen freilich, nichts anderes dar, als einen mächtigen Kampf zwischen dem Freiheitsdrang der Kunst und den Zwingversuchen der Prophetie. Schon in der Thora war das Verbot der bildenden Kunst aufgenommen, und dieser Kampf ist im byzantinischen Bildersturm Leos III., in der Neueinschärfung des sinaitischen Verbotes durch Mohammed, in Luthers Auftreten gegen die Heiligenbilder immer wieder neu aufgeflammt; ja, bei näherer Betrachtung erweisen sich sogar die Kirchenzerstörungen der französischen Revolution, ebenso wie die schandbare Verwüstung unzähliger Gotteshäuser aller Bekenntnisse in Sowjetrußland, ebenfalls als, wenn auch von entgegengesetzten Grundanschauungen gelenkte, Auswirkungen des Geistes der Prophetie, welcher ein selbständiges Lebensrecht der Künste nicht anerkennen will. In dieser Abhängigkeit von dem Geist, den er bekämpft, erinnert der Bolschewismus lebhaft an Julian den Abtrünnigen, der zur Bekämpfung des jungen Christentums kein anderes Mittel zu finden wulte, als die Durchdringung des einst unbefangenen Heidentums mit jüdisch-christliehen Moralprinzipien. Begreiflicherweise nahm der Kampf zwischen Kunst und Prophetie nicht immer derart weltgeschichtliche Ausmaße an; nur an den Wendepunkten der geschichtlichen Zeiträume, an