Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1930-05-01 · Heft 5-8 (Mai 1930) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 5-8 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 194 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293072-2293075--11037-2304338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 Kunst oder Prophetie Noch seltsamer, aber doch leichter zu klären, verwirren sich die Bedeutungen des Begriffes Prophetie. Bei erster Nennung des Wortes wird es wohl jedermann als Weissagung verstehen — ein so wichtiger, so ungeheurer Begriff, daß er 2 dem Worte sicherlich den ernstesten, größesten Klang zu geben vermag. Denn die Weissagungen der Seher aller Völker seit Urzeiten, vor allem der Seher Israels, der tiefgelehrten großen Ästrologen des Mittelalters und insbesondere jenes Arztes jüdischer Abstammung, des ungeheuren, unbegreiflichen Nostradamus, beweisen jedem Aufnahmefähigen zur Genüge, welch erhabene Fähigkeiten hier rätselhaft in Wirkung sind. Dennoch liegt in dem Wort Prophetie ein noch weit größerer, weit bedeutsamerer Sinn, als selbst der so gewichtige der Weissagung. Es ist daran zu erinnern, daß die Propheten Israels, von denen der heutige Begriff der Prophetie eigentlich genommen ist, gegenüber den lediglich die Zukunftschau pflegenden Sehern der anderen alten Völker sich eine ganz andere Aufgabe gesetzt zu haben scheinen: Die nämlich, ihr Volk zu bessern, zu lenken, zu führen. Den nichtjüdischen Sehern fehlte das sichere Ziel einer solchen Führung, wie die Propheten es in dem von ihnen verkündeten einzigen Gotte besaßen. Gegenüber dem Hauptzweck, den die jüdischen Propheten verfolgten, trat die Weissagung zurück und diente mehr nur zur Unterstützung ihrer lehrhaften Tätigkeit durch Bedrohung oder Tröstung oder, bei Eintreffen des Geweissagten, durch Zerknirschung des Volkes. Und schon der Umstand, daß wohl die Prophetie als Weissagung in den Dienst der Prophetie als Verkündung gestellt werden kann, der umgekehrte Vorgang aber in sich undenkbar ist, beweist, daß ein die Zukunft durchschauender Seher darum allein noch kein Prophet sein muß. Denn Prophetie ist die Benützung aller menschlichen Kräfte zu dem besonderen Zwecke der Förderung bestimmter Ideen, nämlich von Gotteserkenntnis und Sittengesetz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.