Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1930-05-01 · Heft 5-8 (Mai 1930) · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 5-8 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 193 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293072-2293075--11036-2304337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Kunst oder Prophetie 193 Kunst oder Prophetie. Von Uriel Birnbaum Es ist merkwürdig, daß über den eigentlichen Inhalt gerade der am häufigsten gebrauchten Worte oft die größte Unklarheit besteht. Eine Begriffsbestimmung muß also auch einer Erörterung von Kunst und Prophetie vorausgehen, obgleich, wie das zu sein pflegt, jedermann ganz sicher zu wissen glaubt, welche Begriffe hinter diesen Worten stecken. Dennoch sind, wie alle Worte, auch diese ganz verschiedener Bedeutung fähig. Wird doch als eine Kunst im Volksmund nicht nur jede irgendwie schwierigere Leistung bezeichnet, noch regelloser wird gemeiniglich schöpferische und nur wiedergebende Tätigkeit durcheinander geworfen, so daß zwar die letzten Endes nur Geschicklichkeit und Einfühlung beweisende Tätigkeit des Klavierspielers, des Sängers, des Schauspielers, des Tänzers als eine künstlerische bezeichnet wird, die doch weit eher ein freies Schaffen darstellende eines Schusters oder einer Schneiderin aber unbarmherzig ins Handwerk verwiesen wird; lediglich für einige kleine Ärbeitszweige wie Stricken, Goldschmieden, Glasblasen, Teppichwirken und dergleichen hat man unter dem vieldeutigen Titel „Kunstgewerbe“ eine Ausnahme gemacht. Nun ist es ja klar, daß Schneiderei oder Tischlerei oder Journalismus wohl ganz ehrbare Handwerke sind, aber wirklich nicht zu den Künsten gerechnet werden dürfen, da ihnen deren wichtigstes Merkmal, das nämlich des freien geistigen Schaffens fehlt. Doch die Erkenntnis dieses entscheidenden Mangels führt dann sofort zur Abtrennung auch der wiedergebenden Künste vom eigentlichen Kunstbegriff, da sie ja überhaupt nicht selber schöpferisch, sondern lediglich Hilfsmittel zur Vermittlung fremden Schaffens sind. Ein Schauspieler ist also ebenso unentbehrlich, wie ein Maurer, darf aber dem eigentlichen Begriff nach ebensowenig wie dieser ein Künstler genannt werden. Denn Kunst ist einem nützlichen Zwecke dienendes freies Schaffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.