Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 172 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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172 Voll- und Halbjudentum im heutigen Frankreich daß nichts, was Judentum und Judenheit angeht, Ihnen fremd ist. Frühere Artikel des gleichen Autors sowie insbesondere die Artikel-Serie über die Zola’schen Romane aus Ihrer Feder, haben uns das schon früher bewiesen. Heute zeigt sich unser Interesse mehr in dem Widerspruch, dem diese Ausführungen, davon bin ich überzeugt, begegnet sind. Wenn wir noch Deutsch verstehen, hat der Verfasser nicht sowohl eine Rezension eines Roman-Zgklus geschrieben, als vielmehr die Geistes-Verfassung der heutigen französischen Juden ihren weniger glücklichen Brüdern aus dem Osten gegenüber aufzeigen wollen. Etwas anderes nämlieh ist es, zu sagen, die und die Schilderungen von Anschauungen werden in einem Buch gebracht, etwas anderes, wenn der Leser die Ueberzeugung gewinnt, so sieht’s im heutigen Frankreich aus. Und ich wäre neugierig zu hören, wie deutsche Leser den Kritiker aufgefaßt haben, mir hat’s geschienen, als wollte er aus dem Roman die Wirklichkeit ablesen und was der Dichter (oder die Dichterin) schreibt, als das getreue Spiegelbild heutiger allgemein vorhandener Gesinnungen verewigen. Dieser Eindruck wird besonders hervorgerufen durch die Gegenüberstellung mit Deutschland: ״Auch dort seien diese neuen Konkurrenten erst als Eindringlinge angesehen und nicht gerade freundlich aufgenommen worden — aber (״wir Wilden sind doch bessere Menschen!“) es sei nirgends zum offenen Bogkott gekommen, es habe sie nirgends ein moralischer oder gesellschaftlicher Bann getroffen, und die Solidarität mit ihnen sei bei den deutschen Juden nie in Frage gestellt worden . . .“ Zunächst eine kleine Gegenfrage zur Sache: Wo haben wir denn von jenen Ausschließungen ausländischer Juden aus den Verwaltungskörpern nicht nur, sondern aus den Kultus- Gemeinden überhaupt — gehört? Dafür sind Beispiele nicht nur für die Vorkriegszeit, sondern auch aus der Nachkriegszeit beizubringen. Nennt man das in Deutschland nicht mehr ״moralischer oder gesellschaftlicher Bann“ — nicht aus einem mehr oder minder gut dokumentierten Roman bewiesen, son-