Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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״Warschau“ von Schalom Äsch 155 die sympathischste männliche Figur des Romans (der schon im 1. Teil ״Petersburg“ eine bedeutende Rolle spielt), der das Wohlleben seines Vaterhauses aufgegeben hat, um sich dem Dienste der unterdrückten und verelendeten Masse seiner Glaubensbrüder in Warschau zu widmen, Mirkin spricht es in den letzten Worten des Buches als Ausklang aus. Sein letzter Glaube ist: Das Menschentum im Menschen kann nicht untergehen, die Menschlichkeit kann eine Zeitlang im Urwald hausen, kann durch Krieg und Ausbeutertum eine Zeitlang aufgehalten werden — doch einst kommt doch die Scham und die Läuterung und das Licht und der ewige Fortschritt, der das Ziel aller Menschheit ist. So schließt das Buch versöhnlich, mit dem heiligen Glauben an einen unbeirrbaren Fortschritt der Menschheit. Aber dies ist, so meinen wir, leider nur ein Dichterglaube, eine Flucht aus der Wirklichkeit, ein Wechsel auf die Zukunft, doch keine Lösung der Gegenwartsnot. Ein Roman soll kein soziologisches Lehrbuch sein und braucht keine exemplarischen Rezepte zu bringen. Es ist das Vorrecht des Dichters, seine Phantasie spielen zu lassen und uns auf eine bessere Zukunft zu verweisen. Doch der kritische Verstand bleibt hier nicht stehen und sucht nach einer realen Lösung des angeregten Problems. Sinnvolle Symbolik, edler Traum von Menschheit und Menschlichkeit — wie oft haben sie uns schon und gerade in letzten Zeit gefiarrt! Und immer noch harren wir auf Antwort, auf die letzte Antwort — — —. Für uns Gläubige bleibt noch immer die beste Antwort die soziale Gesetzgebung der Bibel mit ihrem stark caritativen Einschlag und ihrem praktischen Idealismus. Wir glauben nicht an die Möglichkeit einer restlosen Beseitigung der Klassenunterschiede: כי לא יחדל אביון מקרב הארץ. Durch die mosaische Agrarreform kann das soziale Uebel an seiner Wurzel gefaßt und könnten wenigstens die schlimmsten Auswüchse gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie Bodenspekulation, ׳Latifundienanhäufung, Ueppigkeit und Massenverarmung vermieden werden. Die Problematik allerdings, die