Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 153 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293072-2293074--10993-2304293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
״Warschau“ von Schalom Äsch 153 ahnen. Wenn Scholam Asch bis jetzt als feiner und gemütreicher Lyriker (durch Skizzen und Erzählungen) und als vielumstrittener Dramatiker (Der Gott der Rache, Die Familie Großglück) sich einen achtunggebietenden Namen gemacht hat, reizen ihn in dieser Trilogie die Lorbeeren des Epikers und Zeitgestalters. Er möchte die ganze Zeit vor der großen Sintflut, vor dem Weltkriege, in drei große Rahmen spannen und nennt jedes seiner großen Gemälde nach einer der drei östlichen Hauptstädte. Es sei gleich das Urteil vorweggenommen: Schalom Asch hat in diesem Werke eine bedeutende Höhe der Gestaltungskunst erklommen, eine Gipfelleistung, wie sie ihm bisher versagt war. Schon einmal hat der Dichter in seinem ״Mottke der Dieb“ Warschauer Gebiet betreten und ein düsteres, abstoßend realistisches Gemälde gewisser Zuhälter- und Mädchenhändlerkreise der polnischen Hauptstadt entworfen. Jene Schilderung mag gewisse Entartungen einzelner jüdischer Kreise des polnischen Zentrums echt und wahrheitsnah genug behandeln — warum sollte es nicht vereinzelt auch jüdische Unzucht geben — doch fehlt noch in jenem Roman die große Perspektive, der große soziologische Hintergrund, das Problem der jüdischen Gemeinschaft wird kaum gestreift. In dem neuen Roman ,,Warschau“ wagt Schalom Asch den großen Wurf, er macht die jüdische Masse zum Helden seines Werks, das jüdische intellektuelle und wirtschaftliche Massenelend Warschaus vor dem Kriege unter russischer Zarenknute bildet den Zeithintergrund. Ist Asch der große Wurf gelungen? Gelingt es ihm, das wimmelnde, brodelnde, atemraubende Leben dieser jüdischen Menschenmasse Warschaus einzufangen? Kann eine Menschenhand überhaupt dieses zeitlose Phänomen mit Worten gestalten? Hier zeigt sich zunächst die maßhaltende und formgestaltende Kunst Aschs: Er schildert das Schicksal einer einzelnen Familie und deren Mitglieder, und diese bildet die Urzelle der übrigen Geschehnisse. Anders ließ sich der gewaltige Stoff nicht bändigen, und nur so kommt etwas Ganzes und Gerundetes zustande. Die Tragik der Lehrerfamilie Hur-