Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Der Geburtenrückgang — ein jüdisches Problem. gan-Erkrank ungen aufzuweisen hat. Man sollte solche extreme Situation als ebenso vitale Indikation erachten, wie manche organische Erkrankungen, bei denen der Arzt eine Schwanger-׳ schaft und Geburt für lebensbedrohlich erklärt. Solche extreme Fälle wirtschaftlicher Not, die eine unmittelbare Lebensgefahr bedeuten, mögen allerdings wohl selten sein. Wie steht es in jenen Fällen mittelbarer Lebensgefahr, wo etwa in Mittelstandkreisen die jährliche Schwangerschaft sich einstellt? Wenn dann nach dem 6. oder 7. Kind Organerkrankungen festzustellen sind, ist es oft zu spät zur Gesundung. Eine 1—2-jährige Pause, die man in wirtschaftlich engen Verhältnissen von vornherein gewährt hätte, wäre für viele Frauen lebensrettend gewesen. So ist neben der unmittelbaren vitalen Gefahr für die heutige Wissenschaft auch die Befürchtung einer Krankheitsentstehung eine Begründung für Geburteneinschränkung, auch wenn nicht gleich der Tod in bedrohliche Nähe gerückt ist. Man denkt auch nicht immer daran, auf jeden Nachwuchs zu verzichten, man will vielfach wie gesagt nur dem weiblichen Organismus eine Ruhepause gönnen, um nach zwei bis drei Jahren der Kräftigung die Fähigkeit, in Gesundheit ein Kind zu tragen, wieder erlangt zu haben. Schließlich stehen dieser Gruppe noch eugenische Motive nahe, die besagen, daß bei kranken Eltern keine gesunden Nachkommen zu erwarten sind. Dieses Moment tritt gegenüber dem wirtschaftlich-gesundheitlichen Komplex in den Hintergrund, zumal bei vielen hierfür in Betracht kommenden erblichen Krankheiten der Vererbungsmodus durchaus noch nicht zu einer Voraussage in einem bestimmten Fall berechtigt. Der eugenischen Betrachtungsweise entspringt auch folgender Gedanke: man will nur ein bis zwei Kinder haben, (denen man alles Gute angedeihen lassen kann, um diese wenigen zu hochwertigen Individuen heranzuziehen, ähnlich wie man aus pädagogischen Gründen ein gleiches wünscht. Hier