Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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86 Zionismus religiösen Inhalte verloren zu gehen drohen. Jene verarmen unendlich, bleiben aber potentiell Gefäß für das Wesentliche, die große jüdische Thora. Dem Misrachi geht nie die große Tendenz verloren, das Gottesvolk für die Gotteslehre zu erhalten im eigenen Lande. Deshalb kann die von Landau befürchtete Verschiebung der Werte nie statthaben. Ich muß aber meinerseits warnen vor einer Ueberschätzung von Ideologien und vor der Tendenz, aus diesen papierenen Angelegenheiten Prognosen für Bewegungen zu stellen. Es ist wiederum recht leicht und gewiß unzulässig, das Leben dialektisch meistern zu wollen. Vielleicht fehlte uns bisher die große ideologische Begabung, vielleicht hielt sich mancher davor zurück, seine Grundüberzeugung anderen aufzuoktrog-׳ ieren. Auch gute Ideologien sind nicht ohne Gefahr. Es werden Meinungen niedergelegt und leicht kanonisiert. Sie hemmen zuweilen die Entwicklung, sie schädigen nicht selten die Idee. Bringen sie diese unvollständig oder gar nicht zutreffend zum Ausdruck, so bilden sie einen Gefahrenherd. Besser ist eine bescheidene, den Charakter des Provisorischen tragende Theorie als eine sich anspruchsvoll gebende, die doch nicht reif ist. Die misrachistische ist besser als die agudistische, weil jene sich nicht an die Stelle des Judentums in seiner überzeitlichen Gestalt setzt, nicht die Gesamtheitsaufgaben sich jeweils als Arbeitsgebiet wählt, sondern hartnäckig bei der umschriebenen Aufgabe bleibt. Der Misrachi vindiziert sich keine messianische Sendung, sondern weiß säuberlich Historisches von Transhistorischem oder Grenzhistorischem zu trennen. Trotz ungleich stärkerer Sympathie und Nähe zur modernen Kultur vermeidet es der Misrachi, seine Ideologie an Kant und Joel anzulehnen, wie es im agudistischen Kreise geschah. Was wohl der Gerrer Rebbe und andere Protagonisten der Äguda zu solchen Versuchen sagen? Noch ein Wort zu diesem Gebiet. Der Versuch, großes Geschehen in so unzureichender Weise gängeln zu wollen, darf nicht Dauer erhalten. Die Flucht in die Kritik und die