Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 39 (sequence 41)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2293072-2293073--10876-2304175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Was geben wir der Jugend zu lesen usw. 39 Schriftenliteratur die Frage nach dem ästhetischen Werte nicht mehr die Hauptfrage sein, es muß vielmehr die Frage nach dem volksbildenden und volkzusammenschmiedenden Werte in den Vordergrund gestellt werden. Aber nicht Erziehung zum jüdischen Volksgedanken schlechthin, sondern Erziehung zur jüdisch-religiösen Volks k ul tur, die auf der Thora beruht, fordern wir: Jüdische Jugendlektüre muß der Thora gemäß sein. III. Aber das Ziel macht noch keine Dichtung, bringt nur eine Tendenz hinein, die Durchführung, ihre Art und ihre Mittel sind ebenso wichtig. Wenn die Forderungen an die jüdische Jugendlektüre dem Ziele nach geklärt sind, so sind sie es nicht in bezug auf die Mittel, deren wir uns zur Er״ reichung dieses Zieles bedienen sollen. Dazu ist es vielleicht ganz gut, sich den Sinn einer jeden Erwachsenen-Dichtung zu vergegenwärtigen, und worauf ihre eigenartige Wirkung beruht. Dilthey deckte die tiefen Beziehungen auf, die zwischen Dichtung und Leben bestehen. Geschehnis oder Lebenserfabrung wird dem dichterisch schaffenden Menschen persönliches Eigenerlebnis. Eine Erhebung seiner von dem wirklichen Leben losgelösten Gestalten und Handlungen über das Zufällige und Persönliche hinaus ins Allgemeine bringt ihn dazu, in dichterischem Werk den Sinn und den Wert des Lebens und den Zusammenhang alles Zeitlichen zu erkennen. Er sucht nach dem letzten und höchsten Ziel, nach dem absoluten, nach dem ewigen, er hat die Sehnsucht nach höherer Lebensmöglichkeit, die unausgeschöpft und unverwirklicht, vielleicht auch unverwirklichbar, sind, und darin liegt der Symbolwert aller großen und wahren Dichtung. Ihre Wirkung besteht umgekehrt in einer Verwandlung des Objektiven ins Subjektive, in einer Erhöhung des persönlichen Daseinsgefühls, nachdem der Blick in eine über uns waltende und wirkende Welt getan wurde. Dasselbe gilt für die dichterische Lektüre der Jugend. Sie erhält darin die Deutung ihres eigenen Lebens, die Gewißheit von der Allgemeinheit ihres Einzelerlebnisses, Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.