Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Was geben wir der Jugend zu lesen usw. ist um so mehr zu bedauern, als die Lage des nicht jüdischen Büchermarktes inzwischen unter dem Einfluß Wolgasts praktisch und theoretisch eine andere geworden ist. Heute sorgen in jeder größeren Stadt, ja in jeder Volksbücherei die Jugendschriftenwarte und andere Prüfungsstellen dafür, daß der Interessierte die guten Bücher zu finden weiß. Bei uns Gesetzestreuen ist es nicht besser geworden. Die Logen haben eine Prüfungsstelle, haben auch einiges veröffentlichen lassen, machen aber mancherlei Schwierigkeiten bei spezifisch-jüdischer Lektüre. Nun konnte man vor einiger Zeit noch sagen: Die Grundsätze und das Ziel Wolgasts kommen für uns nicht in Betracht, da ein künstlerisch und literarisch wertvolles Buch nicht unser Ziel ist, da für uns nur der jüdische erzieherische Wert des Buches in Frage kommt. Das war richtig vor 30 Jahren. Heute handelt es sich aber nicht mehr um Wolgast. Das Buch Wolgasts hat heute nur mehr historische Bedeutung. Sein Erbe haben auch wir anzuerkennen, weil auch für uns wertvolle Arbeit vorliegt, sein Erbe brauchen auch wir nicht mehr abzulehnen, weil es sich grundsätzlich mit unserer Anschauung deckt. Ackerknecht versteigt sich sogar zur Forderung, daß die Jugendschrift im Sinne des Kindes nur gut und spannend erzählt und gefühlsrein sein müsse. Der Kunstwert einer Dichtung, so sagt er, ist garnicht maßgebend für den allgemeinen Bildungswert. Der Kunstwert einer Dichtung ist ihm gleichgültig, denn Schönheitssinn sieht er beim Kinde nur keimhaft vorhanden und erst in der Pubertät durchbrechend. Die ganze Jugendlektüre hätte nicht künstlerische Form, sondern die Eindämmung des Rationalierungs- Prozesses zum Ziel. Ebenso bestätigt Zollinger, daß das literarische Verständnis des Jugendlichen und der Bildungswert der Poesie in der Hauptsache vom Kinde aus gepflegt und beurteilt werden könne. Er beruft sich dabei auf Kerschensteiner, der die Bildung des Individuums nur durch solche Kulturgüter möglich hält, die ganz oder teilweise der geistigen Struktur der individuellen Lebensform oder Entwicklungsstufe adäquat sind. Er glaubt, daß der Versuch, das Bedürfnis der