Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Was geben wir der Jugend zu lesen usw• 33 und vielleicht erhält es seinen Kommentar durch das Wort, das der Psychologe Eduard Spranger im Krantz-Prozeß gebracht hat: Im Herzen eines jeden von uns lagert irgendwo eine Mordecke.“ Gutes und Böses ist in uns ganz unbewußter Form in den ersten Keimen vorhanden und gelangt erst durch die Einwirkung von Menschen und Erlebnissen erst zur letzten Ausprägung. An diesen prägenden Elementen hat die Jugendlektüre einen gewaltigen Anteil. Nun kann man die Verbrechen als eine Ausnahmefolge und die Umstände als Hauptsache ansehen, überhaupt die letzten Erfahrungen als Ausgangspunkt für Rückschlüsse auf die Schuld einer einzelnen Verirrung ablehnen, aber wir werden uns doch angesichts des Mangels an jüdischer Jugendlektüre erinnern müssen, daß das Buch den Einfallswinkel darstellt, unter dem die Strahlen der Geisteswelt an der Jugend sich brechen, und daß durch die nichtjüdisch orientierte Jugendlektüre das wertvollste Bildungsmittel am fremden Baume reift. Das wertvollste Bildungsmittel, sage ich, denn was nicht durch absichtliches Lernen angeeignet und spontan erfaßt und in Freiheit erlebt wird, von der erwachenden Phantasie, vom auftauchenden Ichbewußtsein persönlich gedeutet und zur Richtschnur gemacht wird, das alles kommt der in der Lektüre dargestellten nicht jüdischen Welt zugute und wirkt viel nachhaltiger als der zweckbewußte Unterricht. Stellt diese Lektüre die Gegenstände jüdischen Lebens und jüdischen Denkens durch Angriffe und Verzerrungen nicht gerade in Frage, so bleibt das Jüdische doch isoliert, nüchtern, trocken, als Summe von Namen und Tatsachen, als tote Insel für sich bestehen. ״Unsere Kinder lesen alles“, sagte mir vor einem Jahre ein Kollege mit unverkennbarer Genugtuung, als ich mich wunderte, daß seine Schüler ״Die Juden von Zirndorf“ lesen sollen. Krasser kann sich die Ahnungslosigkeit, welche heute in unseren Kreisen herrscht, nicht aussprechen. Denn selbst wenn die Lektüre auf gutes Schülermaterial keine dauernd schlechte Wirkung zeitigt, wer kann sagen, ob nicht doch 3