Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293072-2293073--10867-2304166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Malbim 1× ep/1002711
OCR text
30 Die Ausgrabungen von Ur recht verständlich gemacht: Hier wird nicht von einem Künstler berichtet, sondern es wird in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft, wie sie uns die ersten elf Kapitel der Bibel geben, jener wichtige Punkt aufgewiesen, wo sich zum ersten Male aus den naturgegebenen psychologischen Einzelbegriffen des Menschen eine übergeordnete neu erkannte oder neu produzierte Gestalt (Wertheimer), eine höhere Einheit heraushebt.1- Intuitionen des Kunstsinns als Ausdruck des Denkfortschrittes! Ebenso wie sich im Kunstschaffen neben den rein praktischen Zwecken deutlich ein Kunst sinn als Triebfeder offenbart (so etwa im Kopfschmuck der Königin Schub-ad), begegnen wir auch frühem rein wissenschaftlichen Streben, wodurch die alte These von Windelband,13 daß vor der griechischen Naturphilosophie keine Wissenschaft, nur Wissens- Sammlung nach praktischem Bedürfnis existierte, wieder einmal widerlegt zu sein scheint. Nicht nur, daß die Kinder in der sumerischen Schule schon viel unnütze Dinge lernen mußten, wir treffen auch — merkwürdigerweise in der Niedergangszeit von Ur — auf eine ausgedehnte und nicht unsystematische Ge- Schichtsschreibung, gelegentlich mit kritischen Bemerkungen. Ihr verdanken wir großenteils die Kenntnisse, die der Spaten des Forschers nach Jahrtausenden heute wieder zutage fördert. An Hand dieser neugewonnenen Kenntnisse das Weltbild und die Denkformen der menschlichen Frühgeschichte scharf herauszuarbeiten, erscheint uns nicht nur eine Aufgabe der Kulturgeschichte, sondern die bedeutsamste Pflicht der vergleichenden Religionspsychologie zu sein, an der die jüdische Wissenschaft aufs höchste interessiert sein müßte, weil von 12 Ibn Esra z. St. deutet vielleicht ähnliches an. Anders jedoch Malbim. 13 Geschichte der Philosophie, Kap. 1. 01 Der Wiederholungstrieb des Primitiven äußert sich also nicht nur im Sprachlichen, worüber wir hier (Jahrg. XV) berichtet haben« sondern auch im Zeichnerischen, was aus der Psychopathologie der Geistes- und Gehirnkrankheiten ebenfalls bekannt ist.