Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6 Die religionsphilosophische Stellung So kommt Cohen zu den beiden Grundthesen der prophetischen Religion; es gibt keine Ethik, also auch keine menschliche Kultur ohne den ethischen Monotheismus und ohne die messianische Idee der Propheten. Damit war eigentlich schon in die Immanenzphilosophie die Bresche gelegt. Die Religion hatte sich Eingang erzwungen in das System der Philosophie. Die menschliche Kultur, die nicht ohne Liebe und Gerechtigkeit aufgebaut werden kann, kann auch nicht ohne die Gewißheit Gottes, ohne die Gewiß״ heit einer messianischen Zukunft in Angriff genommen und zur Vollendung geführt werden. Allerdings war der dadurch gewonnene Begriff der Religion zunächst ein äußerst kümmerlicher. Sie war gewisser״ maßen in Ethik verflüchtigt. Sie hatte nur den letzten Menschen messianischer Vollendung zum Gegenstand. Sie kennt nicht das menschliche Individuum wie es ist, sündebehaftet und ringend um die Reinheit der Seele; sie kennt kein Verhältnis des Mensehen zu Gott, wo sich der arme, dürftige Mensch an seinen himmlischen Vater um Hilfe und Rettung wendet, wo der Mensch die Mittel und Wege von Gott erbittet und erhält, zur Reinheit, zur Gotteskindschaft zu gelangen. Erst die letzten Jahre Cohens, nachdem er sein philosophischcs Gesamtwerk vollendet hatte, ließen ihn den Mangel tiefer und tiefer empfinden, daß er mit seinem philosophischen System noch nicht das letzte Wort gesprochen habe. Was ihn religiös erfüllte und was die Religion dem Menschen und Juden wirklich bedeute, das war in der reinen Logik, Ethik und Aesthetik nicht unterzubringen. So schuf er in den letzten Jahren seines Lebens, scheinbar nur als Ergänzung seines *Systems, in Wirklichkeit aber als eine Neufundierung des gesamten Weltbildes, sein epochales Werk: ״die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“. Diese Religion der Vernunft ist aber mehr, als was die Ethik in ihre Pforten eingelassen hatte. Die Ethik als die Lehre vom Menschen ist zwar vom Gottesgedanken untrennbar, aber indem Gott nur Bürge ist, bleibt er doch bei allem Tun und Lassen des Men-