Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2292929-2293072-2293073--10841-2304140
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 Die religionsphilosophische Stellung hierin spreche sich der Gegensatz von ,,Glauben und Wissen“ aus, und verweist die Fakten der Religion in eine persönliche Sphäre des Gefühls, die jeder Einzelne als Lieblingsdomäne pflegen dürfe, mag sie gleich eine Illusion sein. Im Reiche der Vernunft und der Wissenschaft, deren stolze Vertreterin die Universität ist, kennt man sie nicht. Vor allem der Gottesbegriff, die Gewißheit des lebendigen Gottes schrumpft in dieser philosophischen Welt immer mehr in Nichts zusammen. Wir leben ja in dem glücklichen ,Jahrhundert der Immanenz“. Die Neuzeit ist die Emanzipation der Natur und des Menschen, und für die ÄuBerweltlichkeit ist kein Platz mehr geblieben. Der größte deutsche Philosoph, Kant hatte zwar in seinem ethischen System an Gott festgehalten, weil er anders das Problem der Theodizee, des Widerspruchs zwischen Gerechtigkeit und Schicksal, nicht auszugleichen vermochte. Äber es war mehr ein Dekorationsstück, keine wirklich konstitutive Notwendigkeit des gesamten Systems, und seine Kritik der Gottesbeweise hatte auf der anderen Seite zu soviel Mißverständnissen geführt, daß der Theismus der Ethik wirkungslos wurde. Man stelle sich demgegenüber einmal ,,jüdische Stadenten“ unserer klassischen Zeiten etwa der Hiilels vor. Die Tatsächlichkeit, man möchte beinahe sagen die Schmeck - und Greifbarkeit der Nähe und Realitat Gottes, die Macht der Religion, ist d a s z e n - trale Erlebnis des Lebens. Von ihr absehen hieße: auf dem Mond philosophieren. Alles Denken kreiste darum, die Konstruktion des Weltbildes konnte nur auf diesem Grunde geschehen. Man atmete die Gottesfurcht, und wenn das Wort der Philosophen aus dem Athenäum an das Ohr der Weisen drang, so sahen sie in dem weiten Umkreis des jüdischen Schrifttums alle aufgeworfenen Probleme im Rahmen des jüdisehen Weltbildes viel tiefer und eindringlicher gelöst. Diese beiden Bilder des Einst und Jetzt muß man sich gegenüberhalten, wenn man den Ernst und die große Wichtigkeit der philosophischen Entwicklung erfassen will, die durch die beiden Namen Hermann Cohen und Franz Rosen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.