Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religionsphilosophische Stellung 3 praktischen Vernunft den Pflichtbegriff als kategorischen Imperativ zeitweilig in die Mitte des Interesses gerückt hat, so bleibt doch durch die ganze nachherige Entwicklung hindurch die Ethik ohne ein absolutes, gesichertes Fundament. Moral predigen bleibt leichter, um ein Wort Schopenhauers anzuwenden, als Moral begründen. Die Metaphysik aber wird immer mehr der Prügelknabe der Philosophie, ein Geschöpf des Mitleids, über dessen Geburtsurkunde man lieber schweigt wie bei einem Findlingskinde. Die Fragen der Erkenntnistheorie, von den Grenzen unserer Vernunft bilden das Zentrum alles Denkens. Diese Erkenntnistheorie aber relativiert alle Ergebnisse des Denkens. Die Naturwissenschaft in ihrem Siegeslauf gibt für alles die Maßstäbe, Naturphilosophie hat die Hegemonie, ihre Methodik allein führt zu brauchbaren, also wahren Ergebnissen. Der Wahrheitsbegriff bekommt unversehens von hier aus seine einzige Prägung. Das religiöse Weltbild zerflattert unserem jungen Studenteil mehr und mehr. Religionsphilosophie weicht der Religions- Psychologie, d. h. es bleibt nur noch die Frage: wie erklären sich psychologisch die religiösen Gefühle und Vorstellungen der Menschen? In diesem Psychologismus wird alle Objektivität und Tatsächlichkeit der Religionsgeschichte vergessen und verflüchtigt. Tritt der Ädept aus dem Kolleg hinaus in die Welt, so ist das Bild wohl ein anderes. Es gibt sogar theologische Fakultäten an eben der gleichen Universität; Gotteshäuser erheben sich überall; tief eingreifend gestaltet die Religion das Leben; eine ״heilige Schrift“ befindet sich in aller Hände als Urkünde einer Offenbarung, und ein ganzes Land ist konkreter Zeuge einer religiösen Geschichte. Aber von alledem weiß der Meister der philosophischen Lehre nichts. Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wahrheit, ja eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion? Gewiß! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel,