Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2 Die religionsphilosophische Stellung Wesen der Welt untersuchte, ihr ״Sein“ feststellen wollte, wenn er auch noch eine primitive Antwort gab. Auf ihrem Grunde aber erhebt sich dann der große, immer tiefer dringende Streit der jonischen Philosophenschulen, ob das Sein oder das Werden, die Zahl oder die Atome, die Ideen oder die Entelechie das Wesen der Welt ausmache, um zu ewig klassischen Höhenpunkten des Denkens zu führen. Vor allem sei unter den Griechen auch das Phänomen eines Sokrates entstanden, der in Ueberwindung der Sophisten die Tugend zum Problem gemacht und damit unter Opferung seines Lebens die Grundlage zu einer Ethik als Wissenschaft gelegt. Dem jüdischen Studenten wird bei alledem etwas unheimlieh zumute. Er hat in seiner Jugend Tagen doch etwas vom jüdischen Volke gehört, von Mosche und den Propheten, die alle noch mehr als tausend Jahre älter waren als diese griechisehen Gedankenhelden, die mächtige Lehren über Welt, Mensch und Gott uns kund getan haben; über alle diese geht das philosophische Katheder mit Stillschweigen hinweg. Sie müssen also wohl philosophisch ganz irrelevant sein. Und da doch die Philosophie die Königin im Reiche des Geistes ist, so kommt er sich in seinem Sinn tief beschämt vor, wie arm doch eigentlieh unsere geistige Vergangenheit vor dem allein maßgeblichen Richterstuhl des Denkens sich ausnimmt. Enthüllt sich ihm dann der weitere geschichtliche Verlauf der Weisheitslehre, dann erfährt er zu seiner neuen Beschämung, daß zwar das Christentum einen gewaltigen Impuls für die ethische Vertiefung des Denkens gegeben habe, daß aber echte Philosophie erst dann wieder zum Durchbruch kam, als die Väter der neueren Philosophie die religiös-zentrierte Weltbetrachtung überwunden hatten, als die Philosophie der Immanenz begann. Die religiöse Weltbetrachtung muß ihm daher als etwas Kindliches, Unreifes erscheinen; ja jede Wertephilosophie überhaupt. Denn selbst die Ethik tritt in den Hintergrund gegenüber den anderen philosophischen Fragestellungen. Wenn immerhin Kant mit dem großen Gewicht seiner Kritik der