Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 586 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Voll- und Halbjudentum im heutigen Frankreich seien dem Leben nachgezeichnet, naturgetreue Spiegelbilder, deren Originale er meist selbst gekannt habe; er beteuert seine Ueberparteilichkeit und Liebe zum Judenvolke, und nur aus dem Streben, daß sich die Völker wahrhaft kennen und lieben lernen sollen, habe er seine Bücher geschrieben. Wir erwidern ihm darauf: Wenn wirklich seine Absicht war, Kulturr o m a n e zu schreiben und so eine Annäherung zwischen Jude und Nichtjude herbeizuführen, so hat er seinem Ziele schlecht gedient. Nicht vertikale, sonst horizontale Kunst wäre hier von nöten gewesen. Man lernt ein Volk nicht kennen, indem man Einzelfälle, kuriose Käuze und schrullenhafte extreme Sonderlinge und nur diese zur Darstellung bringt und dabei höchst einseitig die eine Partei in volles Licht, die Gegenpartei in tiefsten Schatten taucht. Wir vermissen in seinen Darstellungen das ethnologisch Totalhafte, Großzügige und Schicksalsgebundene des jüdischen Volkes, aus dem erst die Charaktere erwachsen und zu verstehen sind. Wir vermissen eine umfassende, kraftvolle Schilderung der inneren und äußeren Zustände und seelischen Tiefbahnen des Ostjuden, die Aufdeckung der psychologischen Wurzeln für das Verständnis der Unmischbarkeit der jüdischen Kasten, für das Verständnis des querköpfigen Heiligen Abraham Steiner, der der Urtypus der fanatisch Frommen und der Gegenpol des Musterjuden Samuel Springer sein soll. Als Familiengeschichte, mit gelungenen Genrebildern des jüdisch-französischen bourgeois der Mittelklassen Frankreichs ließe man gern einzelne Teile des Romanzyklus gelten, doch zum großen soziologischen Romanwerk fehlt die Konsequenz, der Zug ins Allgemeine, der psychologische Tiefgang. Als wirklich neuartig ist vielleicht ein Porträt anzusprechen: das des Halbjuden Dr. Blum (im 2. Teil), der nach schwerem inneren Ringen den Weg zum Judentum zurückfindet. Hier ist viel psychologischer Tastsinn, viel hellseherisches Schauen in das Zerquälte, Selbstanklägerische einer von zwei Quellen getränkten Seele. Hier ist nicht nur Oberflächenbeschreibung, sondern Zeugung eines neuen zwischenrassigen Menschentyps.