Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 578 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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578 Voll- und Halbjudentum im heutigen Frankreich Voll-und Halbjudentum im heutigen Frankreich. von Dr. Armin Blau, Hamburg. Die finanzielle Inflation in Frankreich ist vorüber. Der Franken ist stabilisiert. Allein die geistige Inflation ist geblieben. Besonders auf jüdisch-belletristischem Gebiete erscheinen pilzartig französische Romane mit jüdischem haut-goüt zu Dutzenden auf dem Markte (einige Verfassernamen: /Maximilienne Heller, Sarah Levy, Eliza Rais; Pierre Benoit, J. R. Bloch, E. Fleg, Raymond Geiger, Josue Jehouda, Gustave Kahn, Jacques de Lacretelle, Rernard Lecache, Andre Spire, Gebrüder Tharaud; viele Essayisten über jüdische Fragen nicht miigerechnet). Wieweit hier geschickte Ausnutzung einer Konjunktur oder wahrhafte Liebe zum jüdischen Volke Wirkursache und Veranlassung zu dieser üppigen Produktivität ist, läßt sich schwer feststellen. Der literarische Wert der Mehrzahl dieser Werke ist sehr unterschiedlich. Nur wenige von ihnen stehen künstlerisch auf ragender Warte (so vor allem J. R. Bloch mit seinem: Simler & Co.). Jedoch ethnologisch und soziologisch sind die meisten sehr beachtenswert. Besonders können die im modernen Frankreich spielenden Romane uns Wesentliches zur Kenntnis der geistigen, religiösen und ökonomischen Struktur des modernen französischen Judentums sagen. Wir in Deutschland sind gewohnt, Frankreich als ein Land mit einer homogenen Bevölkerung anzusehen, in der es keine eigentliche Judenfrage gab, da Juden in nur verschwindender Zahl im Lande wohnten, die sich niemals zu einer politischen ״Minoritat“ mit nationalen Aspirationen und Forderungen verdichtete. Indes die Zeiten haben sich geändert. Der Krieg hat auch nach Frankreich eine ostjüdische Invasion gebracht. Eine kompakte Masse von Ostjuden hat sich in gewissen Straßen, Vierteln (so in und um Rue Cadet) festgesiedelt, es erscheinen zwei jiddische Tagesblätter: ,,Der Pariser Haint“ und ״La Voix“, Die Stimme; gewisse Handelszweige, so das Pelzhandwerk, sind von ihnen überflutet, und mit ihrem ihnen eigenen Spürsinn und ihrer geschäftlichen Zähigkeit wissen sie gewisse Berufsarten für sich zu nutzen. Kein Wunder, daß bei diesem