Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 557 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere 557 ten Wunder, welchen Riesenmut und welche Riesenkräfte diese Liehe der Tiermutter verleiht. Ich seihst habe beobachtet, wie eine kleine Katze auf einen sehr starken großen Hund losfuhr, wenn er — ganz arglos — nur in die Nähe ihrer Jungen kam und wie der Hund heulend entfloh. Man kann, wie schon mehrfach hervorgehoben, die innige Verbundenheit mit dem Tierleben viel mehr aus den Beziehungen erschließen, die, aus dem Unbewußten auftauchend, uns in Äeußerungen entgegentreteten, als aus den bewußt vorgenommenen vergleichenden Beobachtungen. Die Sternbilder als Tierbilder bei den Riten sagen da genug. Uns scheint ein ganz Besonderes darin zu liegen, wenn es Hiob 38, 32 heißt: Führst du die Sternbilder zu ihrer Zeit heraus, geleitest du die Bärin mit ihren Kindern? Ungleich verteilt ist freilich diese Liebe. Die Rabenmutter kennt schon die Bibel (Ps. 147, 9; Hiob 38, 41). Das wird im Talmud auch R. Chisda enxgegengehalten, der einen Vater, wenn er sich weigerte, sein Kind zu ernähren, öffentlich anprangern ließ durch den Ausruf: Der Rabe kümmert sich um seine Kinder, und dieser Mann kümmert sich nicht um seine Kinder.J01 Auch beim Strauß, der nach Hiob 39, 14 ff. die Eier in den heißen Sand legt und daran vergißt, daß ״der Fuß sie zertreten, das Getier des Feldes sie zerstampfen kann“, der nach Echa 4, 3 grausam gegen seine Jungen ist, haben wir eine entgegengesetzte Beobachtung im Talmud, wo die Trauer 151 Keth. 49 b. Ist schon der Versuch des Äusgleichs im Talmud schwierig: in einem Falle handele es sich um schwarze, im anderen um weiße Raben, so ist Raschis Erklärung noch schwieriger: Zuerst wenn sie weiße Federn haben, dann haben sie sie nicht gern, erst später, wenn ihre Federn schwarz werden. Es handelt sich ja um die Lieblosigkeit in der Zeit, wo sie gerade am meisten der Elternpflege bedürfen. R. Chisda wird eben die richtige Beobachtung gemacht haben gegenüber der Voiksvorsteliung, die von den Sängern der Bibel (wie öfters bei den mythologischen Bildern) zur Veranschaulichung benutzt wird. Der Sinn ist: Selbst der vielverschriene Rabe kümmert sich um seine Kinder!