Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 527 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293071--10754-2304053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Um den Zionismus. 527 in einer Zeit, in der nicht nur die materiellen Grundlagen des jüdischen Lebens zerstört sind, sondern in der auch die Volks״ Substanz selber von Auflösung bedroht wird. Denn das Ge״ spenst der Assimilation, von dem man immer so viel gesprochen hat und das man schon für fast überwunden hielt, tritt ja jetzt erst mit voller Kraft in Erscheinung; alles, was sich bisher im relativ kleinen Kreis der Westjudenheit und der cstjüdischen Intelligenz abspielte, war ja nur ein Präludium: jetzt erst tritt die Assimilation wirklich als Massenpro״ z e ß auf, dem die aller inneren und äußeren Bindungen beraubte Judenheit nun widerstandslos anheimfallen muß. Wenn der Zionismus diese auch von ihm erkannte Lage allein durch den mystischen Begriff des Galuth erklärt und nicht damit, daß wir nichts getan haben, um diesen Gefahren wirksam vorzubeugen, so ist das nur eine Illusion mehr, die zu seinen vielen anderen noch hinzutritt. Oder glauben Sie wirklich, daß dieser gewaltige, elementare Prozeß selbst bei hundert״ prozentiger Erfüllung des zionistischen Ideals aufgehalten werden kann, wenn nicht an Ort und Stelle, in der Diaspora selbst, etwas Durchgreifendes geschieht? Glauben Sie wirklieh, daß diese reißende Entwicklung bloß durch Fernwirkung und Beispiel, durch Photos aus Palästina und Ansprachen von Keren-Hajessod-Beamten auf die Dauer gehemmt werden kann? Ich glaube es nicht. Ich glaube nicht, daß einer der gewal״ tigsten Massenerscheinungen der jüdischen Geschichte mit Mitteln beizukommen ist, die weder metaphysisch verankert sind noch materielle Wucht und Schlagkraft haben, und ich glaube überhaupt nicht an die Kraft einer Bewegung, die die geistig-ethisch-metaphysischen Dinge mit der Ratio behandeln will und die ökonomisch-politisch-technischen mit Sentiments. Aber die Hoffnung habe ich nicht aufgegeben, daß einmal doch eine Wandlung eintreten und die nationale Bewegung ihren Illusionismus verlassen und die jüdische Wirklichkeit erkennen wird. Darum habe ich meinen Aufsatz, als Aufruf und Warnung niedergeschrieben, ehe noch die Kunde von der harten Korrektur durch die Tatsachen eintraf. Und auch