Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 526 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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526 Um den Zionismus. teil eine Gesundung der ökonomischen Struktur des jüdischen Volkes und seiner wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen angebahnt hätte, ganz von selbst wäre Erez Israel, dieses teuerste Kleinod in unserem nationalen Besitzstand, mitgewachsen und hätte sich organisch entwickelt, ohne Krampf und ohne den ewigen finanziellen und politischen Bittgang, aus dem wir ja gar nicht mehr herauskommen. Hätte man nicht die vorhandenen kulturellen Lebensäußerungen des Volkes, die vorwiegend religiösen Charakters sind, achtlos ignoriert, hätte man wenigstens das Jiddisch als Volkssprache mit dem gleichen Kraftaufwand gepflegt wie den Hebraismus, dann, und nur dann hätte sich das Hebräische von selbst mitentwickelt und verbreitet und wäre in ungeahnt viel weiteren Kreisen heimisch als es heute bei allen Anstrengungen der Hebraisten der Fall ist. Das ist eben das Geheimnis der jüdischen Sprachen: denn echtes Jiddisch ohne Hebräisch ist nicht denkbar. Statt dessen ist es jetzt zur Domäne der Bundisten und Bolschewiken geworden, in deren Hand es nunmehr jedes wahrhaft nationalen Gehalts entkleidet wird. Und ferner — um die Parallele vollständig zu machen — auch die politische Aktion um Palästina selber ist, ebenso wie die Herzische, vielfach auf Illusionen aufgebaut. Die gleichen Erscheinungen, die wir in der Herzischen Epoche wahrgenommen haben, lassen sich auch heute auf zeigen: das Uebermaß an diplomatischer Betriebsamkeit, die nicht Hand in Hand geht mit einer nüchternen Erkenntnis der eigentlich wirksamen weltpolitischen Kräfte und Tendenzen, die Ueber- Schätzung der Regie und der Propaganda, die verhängnisvolle Gleichsetzung von ,,Diplomatie“ und Staatsweisheit. Das ist eben der erschütternde Eindruck, den ich in Zürich empfing: daß die zionistische Bewegung nach so viel verheiß ungsvollen Ansätzen zu einer fruchtbaren, wirklichkeitsgemäßen Entwicklung wieder mit vollen Segeln in jenen Herzlsehen Illusionismus einfährt, dem sie scheinbar schon entrönnen war. Und das zu einer Zeit, in der das jüdische Volk in einer inneren und äußeren Gefahr schwebt wie nie zuvor;