Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 524 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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524 Um den Zionismus. gescheites und viel zu patrizisches Volk, als daß wir um jeden Preis einen banalen Heldenmythos haben müßten; wir lieben, indem wir kritisieren; es ist die solideste und dauerndste Form der Verehrung. Aber in der jüdischen öffentlichen Meinung ist jener gefährliche Prozeß der Grenzverwischung, von dem ich vorhin sprach, bereits eingeleitet und Herzl schon auf dem besten Weg zur Kanonisierung. Das ist umso bedrohlicher, als die zionistische Be״ w e gung heute immer noch — freilich oft unbewußt — unter dem beherrschenden Einfluß der geistigen Gestalt Herzls steht. Wenn ich Herzls Lebenswerk mit dem heutigen Zionismus identifizierte, so war das doch nicht so furchtbar leichtfertig von mir wie Sie glauben. Die Methoden mögen heute andere sein, und Weizrnann ein anderer Typus als der erste Führer: cs ändert doch nichts an der Tatsache, daß der Zionismus in weitestem Maße die geistige Erbschaft Herzls angetreten und behalten hat, und daß er vor allem, bis in die letzten Kon- Sequenzen hinein, sich seine ganze geistige Haltung zu eigen gemacht hat. Er hat von ihm zunächst jenen Mangel an Wirk״ lichkeitssinn übernommen, den wir bei Herzl haben feststellen können. Auch im heutigen Zionismus herrscht die gleiche Blindheit für die höhere Wirklichkeit des Volkes, die gleiche Ammaßung, ihm aus eigenem Willen sein Lebensgesetz vor״ zuschreiben. Daraus rührt die Illusion, daß der Zionismus glaubt, eine wirklich durchgreifende geistige Wandlung herbeigeführt zu haben. Der Zionismus hat den seelischen Zwiespalt des jüdischen Westlers nicht geheilt. Der Einzelne' mag durch seinen Anschluß an die nationale Gemeinschaft eine gewisse Lösung seiner eigenen Problematik gefunden haben, aber die tragische Situation des modernen heimatlosen Juden, der sich der Zionismus so nachdrücklich entgegenstellen wollte, ist nunmehr um eine Oktave höher ins Kollektive, in die nationale Bewegung selber übertragen worden. Alle Er״ scheinungen, die der Zionismus mit Recht am jüdischen Assi״ milanten geißelt, werden bei ihm selbst offenbar: die innere Unsicherheit, das ängstliche Hinhorchen nach der europäischen