Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 474 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere dem sich dem Tiere Nahefühlen heraus zu erklären ist. Nebenbei bemerkt ist gerade der Reinecke Fuchs ein recht drastisches Beispiel für eine künstliche Anthropomorphisierung der Tiere. Sie sprechen und handeln dort nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus, sondern als Typisierungen menschlicher Charaktereigenschaften. König Nobel spielt da eine sehr klägliche Rolle. Das ist das Recht der Satyre. Eine solche auf die Zeitverhältnisse will der Reineke Fuchs sein, und sie ist kaum übertroffen worden. Der Autor hat für seine Dar- Stellung die überlieferten Schemata der Tiertypen gebraucht. Man spürt, da ist nichts organisch aus einem Gemeinempfinden herausgewachsen. Dies gilt übrigens auch von vielen modernen Tierbüchern. Tiere sprechen und handeln wie Menschen, aber sie sagen uns nichts aus ihrem eigenen Wesen heraus, wir merken nichts vom wirklich im Tiere sich manifestierenden höheren Eigenleben. Das gilt stellenweise sogar von Kiplings Dschungelbuch, das halb Tendenz, ,,wir Tiere sind doch bessere Menschen“, halb fast mystisch anmutende Naturschilderung ein großes Kunstwerk ist, aber in Schiller’schem Sinne sentimental und nicht naiv. Bonseis Bücher sind nur in weitem Abstand zu nennen. Auch hier: Biene Maja ״lernt“ wie sich das im Kopfe eines Naturforschers und Naturschwärmers malt und ״Mario“ bleibt trotz allem der gewordene, nicht der geborene Waldmensch. Anders, wie gesagt, in Bibel und Midrasch. Es ist ja dort nicht so, daß das Begriffliche, das Abstrakte dem Redenden fernsteht und nun illustriert wird durch das Bild, sondern durch die konkrete Anschauung, aus dem Bilde geht dem Propheten und dem Sänger erst der Gedanke in seiner Bedeutung auf. Wie ringt Arnos III, 3—5 damit, den Satz: ״Keine Wirkung ohne Ursache“ aus den naturgegebenen Tatsachen zu konstruieren. Die Anthropomorphismen sind nicht, wie sich uns das heute darstellt, die wir nur in Begriffen denken und nicht mehr in Bildern sehen, mit bewußter Absicht benutzte Mittel, um den Gedanken zu erläutern, sondern Erlebnisse, aus denen der Gedanke geboren wurde oder wenigstens dem