Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 470 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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470 Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere Wir sind jetzt weit abgerückt von jener platt-rationalistisehen Auffassung, die die Anthropomorphismen in der Bibel als störend empfindet. Wir wissen, daß gerade sie die Personlichkeit im Gottesbegriff über die Zeiten hinweggerettet haben, daß gerade sie es sind, die die Bibel ewig jung und ewig neu uns erscheinen lassen, die Innigkeit des Verhältnisses zwischen Gott und dem Menschen als erlebtes religiöses Gut immer wieder von neuem in uns erwecken. So wirken auch die Bilder in der Bibel, die der Gottheit Eigenschaften von Tieren beilegen oder Sein Verhalten gegenüber dem Volke Israel und den anderen Völkern mit dem des Menschen zu den Tieren vergleichen. In einem doppelten Sinne befruchtend. Sie sagen in der kraftvoll realistischen Form deutlicher und auch dem schlichten Menschen verständlich, mehr als es abstrakte Ausführungen vermöchten, was der frommen Betrachtung und religiösen Vertiefung dient. Sie heben dadurch auch das Tier aus der Sphäre des Niedrigen und Nutzobjekts, aus der des Feindlichen und zu Hassenden zu einem Wesen, das dem Mensehen nahesteht und darum auch sein Recht beanspruchen darf. Bibel und Midrasch ergänzen hier einander, und ein gut Teil Attributentehre ist in der Gleichnisrede niedergelegt: Gott ein Löwe, Gott ein flatternder Vogel, eine Taube.30 Der majestätische Zorn der strafenden Gerechtigkeit und die sanfte Milde der Liebe in Einem vereinigt. So spricht der Ewige zu mir: ,,wie der Löwe knurrt und der Leu über seinem Raub — ruft man gegen ihn die Fülle der Hirten zusammen, vor ihrem Geschrei bangt er nicht und vor ihrer Masse duckt er sich nicht, so wird der Ewige der Heerscharen herabfahren, um sich auf dem Berge und essen ihre Frucht. Und in diesem Zusammenhang dann weiter: ,,Wolf und Lamm weiden zusammen, der Löwe ißt Stroh wie das Rind, der Schlange Brot ist der Staub; sie tuen nichts Böses und richten keinen Schaden an auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Ewige.“ 29 Vgl. August Wünsche ״Die Bildersprache des alten Testaments“, S. 66. 30 Jes. 31, 4; Jer. 25, 34 ff.; 4919; Hos. 5, 14 ff,; Hiob 10, 16 verglichen mit Berachoth 3 a; Ex. R. 29, 9.