Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 459 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere 459 vor dem Recht der Tiere und der Einfühlung in die Empfindungsweit der Tiere. Sicher ist einerseits, daß in dem Wortlaut der Bibel, wie sie uns vorliegt, die Vorstellungen der Primitiven völlig zurückgedrängt sind. Für die religionsgeschichtliche Untersuchung kann es ein Objekt der Forschung sein, ob in der ursprüngliehen Religion Israels Tierkultus und Totemismus aufzuweisen ist. Selbst dies ist in der Wissenschaft stark umstritten.3 Für die Zeit, in der die heilige Schrift selbst entstand, noch mehr für die Zeit, in der sie in die Vorstellungs- und Empfindungsweit des Judentums eindrang, ist es unzweifelhaft, daß die religiöse Scheu vor dem Dämonischen im Tier verschwunden war, daß alles Mythologische höchstens als Bild aus dem uralten Sprachschatz des Volksglaubens verwandt wurde, aber nicht mehr richtunggebend war für das Verhältnis des Menschen zum Tiere. Ebenso liegt aber auch andererseits alles Spiritualistische, das die Kluft zwischen Mensch und Tier unter dem Einfluß der griechischen Philosophie erweitert hat, der Bibel fern. Äll das, worin wir uns wieder erst hineinleben müssen, daß Lust und Schmerz dem Tiere ebenso eigen ist, wie dem Menschen, das ist den biblischen Autoren als selbstverständlich gegeben. Die Lehre von der Schöpfung stellt die gesamte Welt des Erschaffenen auf eine Linie. Wie nach unserer Auffassung von der Authentizität der biblischen Bücher die Lehre von der Gleichheit aller Menschen nicht erst mit Hermann Cohen und den anderen bibelkritisch gerichteten Forschern entdeckt zu werden brauchte, so ist auch das Tier eingereiht in die Wesen, um die Gott, ihr Schöpfer und Erhalter, sich in gleicher Weise 3 ״Warum aber finden sich keine direkten und entscheidenden Zeugnisse für den Totemismus der Semiten“, fragt schon W. Robertson Smith ״die Religion der Semiten“ (Deutsche Äusgabe 1891, S. 99), der bahnbrechende Forscher auf diesem Gebiet* und die Spuren, die er besonders in der Bibel aufzuweisen vermag, sind doch sehr gering. Vgl. über die neuere Literatur für und wider: Ed. König, Geschichte der Alttest. Religion, II. Äufl., S. 79—84.