Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 457 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293070--10681-2303979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere 457 Bildern, mit Ausnahme des Lammes, die Tierwelt fast garnicht berücksichtigt ist.2 So finden wir auch in der Folgezeit m. W. wenig Spuren von Einfühlung in das Empfinden der Tiere. Franz von Assisi ist eine singuläre Erscheinung. In neuerer Zeit ist, freilich unabhängig von eigentlich religiösen Motiven, hauptsächlich durch die Steigerung des Naturgefühls, die mannigfach in Naturschwärmerei ausartet, hier eine Wandlung eingetreten. Der große Erfolg der bekannten Bücher von Kipling, Bonseis u. s. f. erklärt sich so. Der philosophische und naturwissenschaftliche Materialismus, der ja den Menschen so sehr in die Nähe des Tieres rückt, hat hier keine Wirkung ansgeübt, 2 Ich habe im N. T. ca. 50 Stellen gezählt, in denen der Tiere Erwähnung geschieht. Es ist das natürlich Empfindungssache, aber ich habe keine Stelie gefunden, die hier irgend ans Herz greift als Math. 6, 26: ,,Sehet die Vögel des Himmels an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheuern, euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht besser als sie/‘ Und auch diese hat ihre Parallele in der Mischna (Kidd. IV 14): ,,R. Simon b. Eleazar sagt: Hast du je ein Wild oder einen Vogel gesehen, die ein Gewerbe haben, und doch ernähren sie sich ohne schmerzliche Mühen. Und sie sind doch bloß zu meinem Dienst erschaffen. Und ich bin erschaffen worden, um meinem Schöpfer zu dienen, soll ich da nicht ernährt werden ohne schmerzliche Mühen? Aber weil ich in meinen Werken gefehlt, darum habe ich meiner Ernährung Abbruch getan.“ Man kann dem Ausspruch im N. T. ein höheres Maß poetischer Form zusprechen, er reicht seinerseits jedenfalls nicht heran an solche des Ä. T. wie: ״Wer bereitet dem Raben seine Zehrung, wenn seine Kinder zu Gott schreien, ohne Speise umherirren.“ (Hiob 38, 41) — Sicher sind die Evangelisten und die anderen Autoren im N. T. nicht so wie Paulus eingestellt. Aber es fehlt doch jenes ursprüngliehe Mitempfinden mit dem Tiere, das das Ä. T. auszeichnet. Der Vollständigkeit halber sei jenes Wort Paulus, das eines der schönsten Gesetze des Pentateuchs sozusagen travestiert, in extenso mitfgeteilt: ״Wer weidet die Herde und genießt nicht ihrer Milch? Ist das nun nach dem Leben geredet, oder sagt nicht dasselbe auch das Gesetz? Steht doch im Gesetz Mosis geschrieben: du sollst dem dreschenden Ochs das Maul nicht verbinden. Kümmert sich Gott etwa um die Ochsen? Oder gehen nicht überall seine Worte auf uns? Um unseretwillen ist es geschrieben, daß der Pflüger auf Hoffnung pflügen soll.“ (Korinther I 9, 8 ff.). 3