Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 456 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere zu unterscheiden. Die älteste, in der der Mensch sich gewisser״ maßen von Tieren noch nicht differenziert hat, sie freilich als andere Wesen erfaßt, als um ihrer Stärke und Gefährlichkeit wiflen übergeordnete oder als ihm zur Beute überantwortete unterworfen, aber dennoch wieder wesensgleich, insofern auch sie mit besonderen ihnen eigentümlichen Gaben ausgestattet sind, das dem Menschen spezifisch eigene Geistige diesem aber noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist. Auf diesem Stande der Menschheit begegnen uns dann die noch völlig ungeklärten Erscheinungen des Totemismus, deren Tatsächlichkeit durch eine unübersehbare Fülle von Beobachtungen gesichert ist, deren Erklärungen aber noch völlig im Dunkel liegen, vom ersten Entdecker über Dürkheim, Frazer, bis auf Freud und seine Schule. Das ist aber sicher, daß dem Primitiven ein anderes Verhältnis zum Tiere eignet als dem Kulturmenschen. Mit der zunehmenden Geistigkeit tritt die Entfremdung, eine Art von Indifferentismus ein, das Tier wird bloßes Objekt der Ausnutzung und die Hervorkehrung der dem Menschen allein eigenen Seele führt zu einer immer stärkeren Degradierung des Tieres mit allen ihren zugleich unethischen Folgen, wie sie noch heute nicht überwunden ist. Erst der Fortschritt in der Ethik, das immer feiner sich entwickelnde Mitleiden und Mitfühlen, verbunden mit der wissenschaftlichen Erkenntnis von der Verwandschaft zwischen Tier und Mensch, führt dann all״ mählich zur Forderung der Anerkennung des Rechtes der Tiere. Die zwei Jahrtausende der Herrschaft des Christentums be״ deuten folgerichtig einen außerordentlichen Rückschritt in dem von der Ethik gebotenen Verhältnis von Mensch und Tier. In der Abhängigkeit von platonischen und neuplatonischen Auf״ fassungen über das Wesen der Seele, die an seiner Grundlegung so großen Anteil hatten, in seiner scharfen Scheidung zwischen sarx und pneuma, zwischen Fleisch und Geist, war die Ent״ Wicklung vorgezeichnet. Die Gnosis hat dann durch die ge״ radezu haßerfüllte Polemik gegen den Demiurgos, den Erschaf״ fer der Körperwelt, die Kluft noch erweitert. Es ist nicht zu״ fällig, daß im Neuen Testament in seinen Gleichnissen und