Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 455 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere 455 Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere. (Nach Bibel und Talmud) Von Jose! Wohlgemuth. Wir haben die Stellung des Judentums im praktischen Verhalten zu den Tieren geschildert1 und gezeigt, wie es dem Leid der Tiere gegenüber in seinen Vorschriften und in Sitte und Brauch von ethischer Auffassung erfüllt ist. Es bedarf aber noch einer Vertiefung dieser Darstellung, des Nachweises, daß das praktische Verhalten letzten Endes zurückgeht auf im Urgrund des Unbewußten schlummernde, von den religiösen Quellen der Vorzeit gespeiste Gefühle der Verbundenheit zwisehen Mensch und Tier. Der Vorzug gegenüber modernen Aufdeckungen, wie sie uns in psychoanalytischen und religionspsychologischen Hypothesen gegeben werden, ist der, daß es dabei nicht so kühner Konstruktionen bedarf, hypothetischer Annahmen, die an einem Haare hängen, sondern daß Bibel und Midrasch eine recht deutliche Sprache führen. Ob das, was die Quellen sagen, auf noch viel weiter vergangene Ursprünge zurückgeht, kommt für uns nicht in Betracht. Wir haben es ja nicht mit den Erklärungen der Ursprünge zu tun. Für die Bildüng der gefühlsmäßigen Gesinnung im Judentum war immer entscheidend die Quelle, wie sie in Bibel und Midrasch tatsächlich vor liegt. Das Leid der Tiere kann nur gewürdigt werden aus dem Mitgefühl, und dies Mitfühlen entsteht vor allem dort, wo man dem Tiere sich verwandt und nahe fühlt. Das Mitleid mit den Tieren erwächst aus der Kraft der Einfühlung in ihre Triebweit. Von einem Einfühlen kann freilich erst zu Zeiten die Rede sein, wenn man sich dem Tiere bereits entfremdet hat. Dort, wo noch das natürliche Beieinander im Zusammenleben von Mensch und Tier herrscht, bedarf es keines Einfühlens. Verwandtschaft und eine gewisse Gleichartigkeit des Wesens wird in ihrer Ursprünglichkeit empfunden. Wir hätten demgemäß für das Verhältnis des Menschen zum Tier drei Etappen 1 Vgl.: ״Das Leid der Tiere“, Jesch. XV, S. 245—267, 452—468.