Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 429 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die 2. Kenessio Gedaulo zu Wien. 429 religiösen Menschen schwächer gemacht als den Menschen der Wirklichkeit. Das zweckhafte, zielbewußte Vorgehen fehlt ihm, vielleicht leitet ihn auch in Verkennung des wahren Wesens des Gottvertrauens eine falsche Sicherheit für den Fortbestand der ihm selbst wertvollen großen Institutionen des Judentums. Auf dem Zionistenkongreß wird das Wort Gott kaum gehört. Dem weltlichen Sinn dieser Bewegung entspricht es folgerichtig, daß die Anhänger sich sagen: Was wir nicht schaffen, was unsere eigene Kraft nicht zustande bringt, was wir nicht mit unseren Mitteln erhalten, das geht verloren. Der Fromme weiß, er braucht das Judentum nicht zu retten, es ist ewig, es trägt sich selbst. Darum ist seine Sorge geringer. Aber eine solche religiöse Auffassung ist, im Tiefsten genommen, ganz unreligiös. Sie will Gott übertragen, was Menschenaufgabe ist, sie will dem Schicksal überlassen, was in unsere Hand gegeben ist. Sie glaubt sich einer Verantwortung ledig, trotzdem die eigene Kraft ausgereicht hätte, Wandel zu schaffen. Die falsche Einstellung rührt aber an die Grundauffassung vom Wesen der A. J. Schon vor der Kenessio ist ein leidenschaftlicher Kampf um ihre Ideologie ausgebrochen. Er beherrschte auch den Kongreß. Es handelt sich um eminent praktische Fragen. Sie spitzten sich zu in dem Kampf um den § 4 und um die Frage der Teilnahme an der Jewish Agency. Man kann den Streitpunkt kurz dahin formulieren: Ist die A. J. ein Wesensverband oder ein Zweckverband? Ist es ein Wesensverband, der vor allen Dingen die jüdische Idee rein zu erhalten berufen ist, eine seelische Gemeinschaft, die der Welt eine große Anhängerschaft an der geschichtlichen Struktur des jüdischen Volkes auf dem Grund von Thora und Mizwaus zu demonstrieren hat; oder ist es ein Zweckverband, der alle Notwendigkeiten und Bedürfnisse der thoratreuen Judenheit zu verwirklichen hat? Ich glaube nur an das Letztere. Um das Wesen des Judentums und seine Reinhaltung bangt mir nicht. Solange die Thora besteht, die schriftliche und mündliche, solange vor Menschenaugen die