Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 427 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die 2. Kenessio Gedaulo zu Wien. 427 zu verschaffen, ist Beredsamkeit. Und doch hilft eine unendliehe Geduld des Publikums, seine Verehrung für die Rabbonim, gelehrte rabbinische Reden, meist ungeschickt vorgetragen, stundenlang mit anzuhören. Denn alle diese rednerische Hilflosigkeit hat etwas Großes, Rührendes an sich. Die herrlichen rabbinischen Gestalten, die jeder liebt, wenn er sie nur sieht, das Bewußtsein ihrer Größe, ihrer Selbstlosigkeit, ihres unendlichen Wissens ersetzen alles, was ihnen an Schlagkraft des Wortes fehlt. Äuch die Freudigkeit des Publikums, immer erneut Thora zu hören, als säße es im Bes-Hamidrasch, ist typische Äeußerung der Religiosität. So war der jüdische Charakter der Veranstaltung zweifeilos. Nur selten wurde eine der Kultursprachen gehört, meist verhandelte man schlicht jüdisch. Vom Thorawort ging man aus, und mit dem Thorawort schloß man. Eine Versammlung war es von Wissenden. Ellenlange Kundgebungen des rabbinischen Rates in hebräischer Sprache wurden von der Teilnehmerschaft wie selbstverständlich hingenommen. Niemand verlangte nach einer Uebersetzung oder Erklärung. Ich wollte einmal in der Schlußsitzung ein Hoch ausbringen, aber es wurde als Fremdkörper empfunden, es fand keine Resonanz. Wie sich das jüdische Gesicht in den mächtigen Bärten allen Friseuren zum Trotz unberührt und rein darstellte, wie das jüdische Kleid gegen alle Mode Europas dominierte, so wurde gar nicht der Versuch gemacht, in irgend einer Weise Modernität zu markieren. Äußer dem freudigen Beifallklatschen der Menge gab es eigentlich nichts modernes in dieser Welt. So war die Stimmung weihevoll, das Bild romantisch malerisch. Hier aber liegt auch die Grenze der Kenessio und ihre große Gefahr. Zu hoch schwingt sie sich über die Erde und droht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In dem Moment, wo sie die Wirklichkeit anpacken will, wird sie schwach, die Seelen bewegt sie, aber sonst nichts, Begeisterung erweckt sie, nicht Tatkraft, Schwung gibt sie, nicht Leistungswillen. Man berauscht sich, man vergißt sich, man schwärmt