Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 419 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Züricher Kongreß. 419 Verhandlungen in einer Ärt von ergötzlichem ,,Deutsch“ zu leiten, dem die Amerikaner nur mühsam folgen können, an-׳ statt in Jiddisch, das der ganze Kongreß versteht; bezeichnend, daß Weizmann, der alle Sprachen glänzend, aber alle ein wenig im Pinsker Dialekt spricht, und der seine polyglotte Fertigkeit gern zur Schau stellt, gerade das Jiddisch ostentativ vermeidet. Es soll damit nichts gegen die persönlichen Eigenheilen eines bewundernswerten Mannes gesagt sein; aber es kennzeichnet doch den unerträglichen Snobismus, mit dem die gewachsene Wirklichkeit des Volkes verdrängt wird um einer ausgeklügelten Marotte willen. Und daß ferner die Einsicht in die religiösen Bedingtheiten des jüdischen Volkes gewachsen wäre, kann auch nur ein ausgemachter Optimist behaupten. Religion ist für den Kongreß immer noch eine ungenießbare Sache, und der Misrachi befindet sich nach wie vor in der unglücklichen, unklaren, unwürdigen und etwas lächerlichen Situation, die für ihn schon seit Jahren charakteristisch ist. Seine Forderung nach Unabhängigkeit des Erziehungswesens, die er als immerhin zweitstärkste Fraktion durchzusetzen gedachte, ist ihm durch eine unfaire Majorisierung mit wenigen Stimmen abgeschlagen worden (wobei erwähnenswert ist, daß der Präsident es nicht für nötig gehalten hat, wie bei derlei Fällen üblich, mit einem Vermittlungsvorschlag zu intervenieren); wenn Misrachiiührer, besonders Rabbinen alten Schlages, auf dem Podium über religiöse Dinge sprachen, so hörte sich das an wie Musik vor Tauben; und selbst Wolfsbergs feine und kultivierte Rede blieb, sofern sie einen unmittelbaren politischen Zweck erreichen wollte, in dieser Versammlung von handfesten Commis der Politik absolut ohne Wirkung. An allen wirklichen Lebensfragen des Volkes geht der Herzische Zionismus achtlos vorbei. Es ist sonderbar, wie fest in unserer schnellebigen Zeit dieses Produkt der neunziger Jahre, das die typischen Tendenzen seiner Zeit auf weist, in den Köpfen haftet. Man muß schon ins Triviale greifen, um den grotesken Herzl-Kult, der doch so stark ins Sachliche