Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 420 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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420 Der Züricher Kongreß. hineinwirkt, überhaupt zu verstehen. Das ästhetische Phänomen Herzl hat die Zeitgenossen überwältigt. Das Wunder, daß einer, der schon am andern Ufer war, zurückkam, der rasche Zugriff, mit dem er in der Luft liegende Ideen aus einer schwer und verworren ringenden geistigen Bewegung heraushob und sie mit seiner auf andern! Boden gewachsenen Utopie legierte, das Unbedächtige, Unbeschwerte, siegfriedhaft Stürmische seines Auftretens, alles in ihm was so sehr mit der jüdischen Mentalität kontrastierte, vielleicht gerade das Arische seines Wesens hat die eingeschüchterte Generation überrumpelt und sie ihm widerspruchslos ausgeliefert. Es entzückte sie, daß einer, der sich als bewußter Jude kundgab, aussah wie ein Baron und mit dem Minister frühstückte, und heute, wo das bei uns etwas Alltägliches ist, wirkt dieses atavistische Gefühl, ins Sachliche sublimiert, immer noch nach Heute, wo wir brennenden Auges sehend geworden sind, schwer von Erkenntnis und reif von Erleben, wo die Schale der Dinge für uns durchsichtig geworden ist, weil wir, mißtrauisch und zweifeind, gewohnt sind, ihr Inneres zu ergründen, tändelt man noch immer mit diesem Nationalismus der Fassade und des Scheins, der den Weg zum wirklichen Wesen des Volkes verrammelt. Noch immer kann man sich nicht entschließen, weiterzudenken, neue Wege zu beschreiten, noch immer zögert man, diese Phase der jüdischen nationalen Bewegung, die den Namen Herzls trägt, endgültig zu verlassen; diese Periode unserer Geschichte, die wir immer lieben werden, weil sie den Rausch, die Hoffnung, die herrliche Naivetät einer nationalen Frühlingszeit hat, die aber jetzt nur noch ins Museum gehört. Aber die Erkenntnis von der Krise im Zionismus wächst such in seinem eigenen Lager. Die Einsichtigen können es sich nicht verhehlen, daß die Jugend entfremdet wird, daß kein Nachwuchs da ist, daß seit Jahren immer wieder dieselben Gesichter erscheinen und ihr altes Sprüchlein ableiern. Die Flügelparteien suchen mit Macht aus dem verzauberten Kreis der Herzischen Formel herauszukommen, sie, die den Pulsschlag des Volksherzens noch am deutlichsten vernehmen, Mis-